Kontaktlinsenträger die in "jüngeren Jahren" mit Kontaktlinsen ausgestattet worden sind, wollen auch im presbyopischen Alter nicht auf die Vorteile ihrer unsichtbaren Sehhilfen verzichten. Zusätzlich fühlen sich die heutigen Mitvierziger deutlich jünger als die Generationen vor ihnen. Diese Personengruppen wollen aus beruflichen und kosmetischen Gründen oftmals keine Lesebrille tragen. Insgesamt ein riesiges Potential.
Die Korrektion einer Presbyopie
mit Kontaktlinsen kann durch monofokale, bifokale oder multifokale
Kontaktlinsen erfolgen. Die Anpassung solcher Systeme stellt oftmals
eine kleine Herausforderung für den Kontaktlinsenspezialisten
dar. Der Sitz der Kontaktlinse hat noch größeren Einfluss
auf den Anpasserfolg als schon bei „normalen“ Einstärkenlinsen.
Je nach Art des Systems wird eine stärkere oder geringere
Beweglichkeit gefordert. Bis auf die klassische Monovisionstechnik
ist der Pupillendurchmesser von ausschlaggebender Bedeutung. Er
beträgt etwa zwischen 3-5mm. Mit zunehmenden Alter nimmt
der Pupillendurchmesser ab.
Die Anpassung von Kontaktlinsen
für Presbyope ist eine wunderschöne Aufgabe –
der Kontaktlinsenspezialist gibt dem Träger ein wenig Jugend
zurück. Die Systeme sind ausgereifter als noch vor zehn Jahren
und ermöglichen bessere Erfolge als noch vor kurzer Zeit.

Mit 19% der Bevölkerung eine große
Zielgruppe: Etwa 1,5 Millionen Österreicher befinden sich
im Alter von 45-59 Jahren!
Klassische Monovisionstechnik
Wenn kein binokulares Stereosehen vorliegt oder diese
nicht unbedingt beim Tragen der Kontaktlinsen notwendig ist und
beide Augen einen ausreichenden Visus aufweisen, kann auf die
Monovisionstechnik zurückgegriffen werden. Das Führungsauge
wird dabei mit einer für die Ferne korrigierten Linse und
das andere Auge mit einer für die Nähe optimierte Dioptriestärke
versorgt. Diese Technik ist im angloamerikanischen Raum sehr beliebt.
Im deutschsprachigen Europa wird diese Methode wegen der in Folge
eingeschränkten Stereopsis weniger gern angewendet.

Klassische Monovision - z.B. R KL für Ferne (blau); L
KL für Nähe (grün)
Trotzdem sollte diese Methode
auch in die Anpassüberlegung bei Additionen unter 1 Dioptrie
miteinbezogen werden. Die Methode der Monovision weist z.B. in
den USA einen hohen Erfolgsfaktor auf. Bei Autofahrern sollte
diese Methodik jedoch auf jeden Fall aus rechtlichen Gründen
unterbleiben. Bei der Ausübung vieler Sportarten kann die
klassische Monovisionstechnik ebenfalls hinderlich sein.
Modifizierte
Monovisionstechniken
Hier sind zwei Anwendungen möglich. Empfehlenswert
sind rotationssymmetrische, simultane Systeme. Ein etwaiges Stabilisationsprisma
auf nur einem Auge könnte nämlich optische und physiologische
Nachteile beherbergen.
- Ein Auge wird mit einer
Einstärken-Kontaktlinse, das andere Auge mit einer Mehrstärken-Kontaktlinse
versorgt.

Modifizierte Monovision - z.B. R KL für Ferne (blau);
L simultane, rotatationssymmetrische Bifo-KL (Nahteil grün)
- Beide Augen werden
mit Mehrstärken-Kontaktlinsen versorgt. Die Zonen werden
allerdings so gewählt, dass das Führungs-Auge eine
größere Fernzone und das andere Auge eine größere
Nahzone erhält.

Modifizierte Monovision - z.B. R simultane, rotatationssymmetrische
Bifo-KL mit kleinem Nahteil (grün); L mit größerem
Nahteil (grün)
Alternierende Systeme
Der Kontaktlinsenträger blickt je nach Entfernung entweder
durch Fern- oder Nahzone der Kontaktlinse. Der Nahteil befindet
sich also nur beim Blick in die Nähe vor der Pupille. In
Folge entsteht auf der Netzhaut jeweils eine scharfe Abbildung.

Alternierende Systeme - z.B. formstabile Kontaktlinsen mit
"spitzlosen Torteneck-Segement" beim Blick in die Ferne
Diese Systemart erfordert eine gute Verschieblichkeit
der Kontaktlinse, welche nur mit formstabilen Kontaktlinsen zu
erreichen ist. Die Anpassung sollte relativ flach erfolgen um
eine optimale Beweglichkeit zu ermöglichen.

Das gleiche alternierende System wie bei der Abbildung zuvor,
allerdings beim Blick in die Nähe
Die Verschiebung erfolgt beim Blick nach unten
mit Hilfe des Unterlides. Schlaffe Unterlider oder ungünstige
Lidstellungen können alternierende Systeme zum Scheitern
bringen.
Simultane Systeme
Alle Zonen für die unterschiedlichen Entfernungen befinden
sich gleichzeitig vor der Pupille. Es entstehen folglich vom angeblickten
Objekt zwei überlagernde Bilder auf der Netzhaut. Je nach
Entfernung des angeblickten Objektes sorgt die zuständige
Zone für eine scharfe Abbildung auf der Netzhaut. Die Zone
für die andere Entfernung steuert ein unscharfes Netzhautbild
bei. Der Träger solcher Systeme muss lernen, das jeweils
unschärfere Netzhautbild zu unterdrücken und sich auf
die scharfe Abbildung konzentrieren. Dies geschieht im kortikalen
Bereich des Sehzentrums. Das Erlernen der physiologische Unterdrückung
kann eine gewisse Eingewöhnungszeit benötigen.

Simultane Systeme - z.B. weiche Kontaktlinsen - z.B. R Nahzone
(grün) zentral; L Fernzone (blau) zentral
Eine Vielzahl weicher Bifokal-Kontaktlinsen sind
als simultanes System konzipiert. Die Anpassung sollte relativ
steil erfolgen um die Beweglichkeit eher gering zu halten. Ist
die Beweglichkeit zu groß, dann wandert eine der beiden
Linsenbereiche permanent aus dem Bereich der Pupille heraus. Zu
beachten ist, dass bei zentraler Nahzone und einer hohen Leuchtdichte
das Sehen in der Nähe besser sein wird als in der Nähe.
Umgekehrt wird das Sehen in der Ferne bei zentraler Fernzone und
hohen Leuchtdichte besser ausfallen.

Simultane Systeme - z.B. R abwechselnd Ringe für Ferne
(blau) und Nähe (grün); L Multifokallinse: zentral ist
die stärkste Addition (grün), die zum Rand der Pupille
bis zur Fernstärke (blau) abnimmt
Die Vermessung der Pupillengröße bei
minimaler, mittlerer und maximaler Beleuchtung ist daher von großer
Wichtigkeit. Aufgrund der gemessenen Durchmesser kann die notwendige
Größe der zentralen Zone abgeschätzt werden.
Rotationssymmetrische Systeme
Die Drehung der Linse am Auge ist nicht kausal für die Durchblickszone.
Fern- und Nahzone sind konzentrisch zueinander zugeordnet. Die
Kontaktlinse muss allerdings optimal zentrieren. Ein dezentrierter
Linsensitz gefährdet den Anwendungserfolg.
Segmentförmige Systeme
Diese Systeme betreffen naturgemäß formstabile, alternierende
Systeme. Das Nahsegment besteht im Normalfall aus einem eingeschmolzenen
Segment mit höherer Brechzahl. Die Drehung der Kontaktlinse
ist wesentlich für die Möglichkeit durch den richtigen
Bereich durchzublicken. Deshalb muss eine zusätzliche Maßnahme
zur Unterbindung der Linsenrotation auf der Hornhaut getroffen
werden. Mögliche Stabilisationsarten sind ein Prismenballast
(meist zwischen 1-2 cm/m) oder eine Stutzkante. Dem Vorteil einer
uneingeschränkten Fernzone steht der Nachteil einer etwas
aufwendigeren Anpassung gegenüber die schon ein wenig Erfahrung
erfordert.
Diffraktive Systeme
Bei diesen Systemen wird mittels Beugung zur Aufspaltung zwischen
Nah- und Fernwirkung genutzt. Sie basieren nach dem Prinzip der
Fresnelschen Zonenplatte. In der Kontaktlinse sind Ringe genau
definierter Breiten und Abständen eingearbeitet.

Diffraktives System beidseits
Die Beugungsmaxima und Minima sind so berechnet,
dass sowohl ferne als auch nahe Objekte scharf auf der Netzhaut
abgebildet werden können. Wie bei den simultanen Systemen,
entstehen vom angeblickten Objekt zwei überlagernde Bilder
auf der Netzhaut. Dem Vorteil, dass die Pupillengröße
ignoriert werden kann stehen die Nachteile eines Kontrastverlustes
und eines geringfügigen Lichtverlusts gegenüber.
Zusammenfassung
Alle Systemarten haben Vor- und Nachteile. In der Praxis hat sich
bewährt beim Kunden mehrere Systeme auszutesten und so "seine
beste" Kontaktlinsenart zu finden. Hier gilt: Wichtig ist
nicht die Theorie des "besten Systems" sondern die höchste
Akzeptanz des Kontaktlinsenträgers. Ein zufriedener Träger
von Mehrstärkenkontaktlinsen wird - allein aufgrund der Tatsache
trotz seines presbyopen Alters keine Brillen für die Ferne
und beim Lesen zu benötigen - in seinem Umfeld Werbung für
seinen Kontaktlinsenspezialisten machen.
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