Kinderoptometrie – Kompendium aus dem DOZ Verlag

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Kinderoptometrie

Das Gebiet der Kinderoptometrie stellt einen eigenen, spezialisierten Bereich in der Optometrie dar. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie sind in einer rasanten Entwicklungsphase im Leben des Menschen. Kinder verfügen bis zur Pubertät über eigene physiologische Vorgänge und besondere Pathologien. Zudem benötigen sie bei der optometrischen Versorgung besonders viel Geduld und Einfühlungsvermögen. In der deutschsprachigen Fachliteratur finden sich nicht allzuviele Kompendien zum Thema Kinderoptometrie. Deshalb ist es ganz besonders erfreulich, dass Wolfgang Cagnolati und Andreas Berke das Thema organisiert aufbereitet haben und in Folge mit Hilfe von 12 Co-Autoren ein deutsches Standardwerk der Kinderoptometrie geschaffen haben.

Das Buch gliedert sich in die fünf Teile Wachstum und Entwicklung, Pharmakologie, Augenerkrankungen, Augenuntersuchungen und Management. Die Buchteile sind wiederum in 24 Kapiteln gut strukturiert.

Wachstum und Entwicklung

Zum Einlesen findet man im 1. Kapitel Allgemeines zur physischen und psychischen Entwicklung von Kindern. Christa Rauscher beschränkt sich in dem von ihr verfassten Kapitel nicht nur auf die Entwicklung der Augen, sondern beschreibt dem Leser auch die allgemeine kindliche Entwicklung von der pränatalen Phase bis zum 11. Lebensjahr. Im 2. Kapitel schreibt Anette Klepper, Ärztin am akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Köln, über Kinderkrankheiten. Sie differenziert zwischen pränatalen, postnatalen und kindlichen Erkrankungsbildern. Dabei geht Klepper systematisch die einzelnen Entstehungsorte der Kindererkrankungen durch. Spitzenreiter bei der Prävalenz sind Erkältungen und Magen-Darm-Infektionen. Andreas Berke veranschaulicht im 3. Kapitel die embryonale Entwicklung und mögliche Entwicklungsstörungen des Auges. Bereits in der vierten Schwangerschaftswoche und bei nur 7mm Länge des Embryos sind Augenbecher, Pigmentepithel der Netzhaut und die Anlagen der Augenlider erkennbar. Die ganze Entwicklung des Auges wird durch die Gene gesteuert. Passend zu dieser Tatsache berichtet Berke im 4. Kapitel über die Genetik im Zusammenhang mit dem Auge. Nach den Grundlagen zur Vererbung erhält der Leser Informationen zu den Erbgängen am Auge. So ist die bekannteste und am Auge häufigst genetisch bedingte Auffälligkeit eine angeborene Farbsinnstörung. In Europa sind etwa 8% der Männer und 0,4% der Frauen davon betroffen. Im weiteren erfährt der Leser die Hintergründe der diesbezüglichen Geschlechterunterschiede. Auch die Augenfarbe ist Vererbungssache. Berke erklärt die Zusammenhänge zwischen Melanin, Carotinoiden und dem Zwei-Gene-Modell der Augenfarbe. Vieles deutet auch darauf hin, dass Fehlsichtigkeiten multifakturell durch Umweltfaktoren und genetischen Faktoren auftreten. Mittlerweile sind mehr als ein Dutzend Gene bekannt, die in den Zusammenhang mit einer Myopie gebracht werden. Während die Myopiewahrscheinlichkeit bei 30-40% liegt wenn beide Elternteile kurzsichtig sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit bei nur einem myopen Elternteil auf 20-25% ab. Wenn beide Elternteile nicht myop sind bleibt ein Restrisiko von 10-15%. In einigen Erdteilen – wie zum Beispiel asiatischen Ländern – liegt die Wahrscheinlichkeit zu einer Myopie aber deutlich höher. Der Leser erfährt ebenfalls gut beschrieben die Zusammenhänge hinsichtlich den Überlegungen zum Astigmatismus.

Im 5. Kapitel erhält der Leser einen Einblick in die Entwicklung der visuellen Funktionen. Alina Kinder und Andreas Berke berichten unter anderem, dass der Visus eines Neugeborenen unter 0.1 liegt und bis zum Ende des ersten Lebensjahres auf etwa 0.3 ansteigt. Gegen Ende des vierten Lebensjahres ist die Reifung der Netzhaut abgeschlossen und geht üblicherweise mit einem Visus von 1.0 oder grösser einher. Die Autoren beschreiben desweiteren die Reifung der Fixation, der Kontrastempfindlichkeit, des Farbsehens, des Gesichtsfeldes, der Akkommodation und des Binokularsehens. Der Refraktionsentwicklung ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Bastian Cagnolati beschreibt neben den Mechanismen der Emmetropisation unter anderem auch mögliche Ursachen und Interventionsmöglichkeiten beim Vorliegen einer Myopie.

Pharmakologie im Kindes- und Jugendalter

Der zweite Buchteil und zugleich Kapitel 7 beschäftigt sich mit der Pharmakologie. Wolfgang Vogel und Andreas Berke geben dem Leser zunächst eine Einführung bzw. Wiederholung zu den Themen Pharmakokinetik und Pharmakodynamik. In der Folge erhält der Leser einen Überblick über Arzneimittelanwendungen bei Kindern und Medikamenten zur Anwendung am Auge für die entsprechenden Altergruppen. Auch erhält der Leser eine Zusammenfassung der derzeit gängigen diagnostischen Medikamente, welche am kindlichen Auge zur Anwendung kommen.

Augenerkrankungen

Frühkindliche Sehbehinderungen können bereits bei der Geburt oder unmittelbar danach auftreten. In der westlichen Welt führen mittlerweile nur mehr selten Infektionskrankheiten zu einer Sehbehinderung. Andreas Berke beschreibt im 8. Kapitel kongenitale Auffälligkeiten des Auges, insbesonders jener der Lider, der Hornhaut, der Augenlinse, der Netzhaut, der Aderhaut und Glaukome. In den Kapiteln 9 und 10 sind kindliche Erkrankungsformen des vorderen und des hinteren Augenabschnittes angeführt. Andreas Berke komplettiert diesen Buchteil in den Kapiteln 11 und 12 mit einer Aufzählung entwicklungsphysiologisch bedingter Auffälligkeiten des Sehens und psychogenen Sehstörungen und erklärt unter anderem die Ursachen einer Amblyopie.

Augenuntersuchungen

Die Untersuchung des vorderen und des hinteren Augenabschnittes bei Kindern erfordern hohes psychologisches Einfühlungsvermögen und Geduld. Daniela Nosch beschreibt im 13. Kapitel neben der zielgerichteten Anamnese Techniken zur Untersuchungen der Orbita- und Gesichts-Symmetrie, der Kopfhaltung, des Tränenapparates, des Pupillenreflexes, der Pupillenreaktionen und des kindlichen Fundus. Ferner erklärt Nosch unter anderem die Anwendung von Skiaskopie, der Spaltlampe und die Messung des Augeninnendrucks bei Kindern.

Dem Optometrist steht eine Vielzahl subjektiver und objektiver Tests zur Bestimmung der Sehschärfe von Kindern zur Verfügung. Wolfgang Cagnolati betrachtet im 14. und 15. Kapitel die einzelnen Verfahren zur Sehschärfen- und Refraktionsbestimmung bei Kindern und beschreibt deren sinnhaften Einsatz hinsichtlich des Kindesalters. Neben der Skiaskopie in Zykloplegie erläutert Cagnolati die Nahskiaskopie nach Mohindra, die dynamische Skiskopie, die Nott Skiaskopie und die MEM Skiaskopie. Kritisch betrachtet werden die Vor- und Nachteile der Skiaskopie in Zykloplegie. Bis zum 2. Lebensjahr können Messungen mit den Teller Acuity Cards hilfreich sein. Danach stehen spielerische Tests wie zum Beispiel die Lea Spielkarten, der Dot Visual Acuity Test, der Punkte Erkennungstest, der Broken Wheel Test, den Glasgow Acuity Cards und andere zur Verfügung und werden hinsichtlich Vor- und Nachteilen erklärt. Ab dem 2. bis 3. Lebensjahr sind je nach Entwicklungsstand des Kindes auch andere subjektive Refraktionstechniken bereits zielführend. Hilfreich zur Refraktionsbestimmung bei Kindern sind die im Buch angebotenen Eltern-Fragebögen, welche eine genaue Anamnese erleichtern.

Die rechtzeitige Erkennung binokularer Anomalien gehört zu den lohnendsten Aufgaben in der Kinderoptometrie. Adrian Jennings gibt im 16. Kapitel Einblicke in die Untersuchung des Binokularsehens bei Kindern und erläutert die Abläufe einzelner Tests. Zudem erhält der Leser einen Überblick über eine sinnvolle Grundausstattung für diese Testverfahren. Alina Kinder schreibt im anschließenden 17. Kapitel über die Prüfung angeborener Farbensinnstörungen. Wiewohl diese selten zu nachhaltigen Beeinträchtigungen des täglichen Lebens führen, können sie bei Kindern Lernschwierigkeiten verursachen und sollten deshalb bei der Routinekontrolle vom Optometristen immer erfasst werden. Kinder beschreibt unterschiedliche Testanordnungen für die Farbsinnprüfungen bei Kindern. Mit dem 18. Kapitel endet der Buchteil Augenuntersuchungen mit Betrachtungen zur Untersuchung der visuellen Funktionen bei Kindern mit Sehschädigungen. Stefanie Holzapfel beschreibt in diesem Kapitel Techniken zur gezielten Förderung des Sehvermögens solch benachteiligter Kinder.

Management

Der letzte Buchteil widmet sich der Versorgung mit Brillen, Kontaktlinsen und vergrößernden Sehhilfen bei Kindern. Wolfgang Cagnolati beschreibt im 19. Kapitel einleitend die Diskussion über den Grenzwert und die Sinnhaftigkeit der Versorgung einer geringgradigen Hyperopie hinsichtlich der angestrebten Emmetropisation. Aufgezeigt wird, dass derzeit noch kontroversiell diskutiert wird und es noch keine einheitliche Strategie betreffend einer Sehhilfenverschreibung oder dem Belassen bei einem Monitoring einer Hyperopie bei Kindern gibt. Cagnolati beruft sich auf unterschiedliche Studienergebnisse und empfiehlt nach Altersgruppen und Höhe der gefundenen Hyperopie strukturiert eine adäquate Versorgung. Im Folgenden werden auch Korrekturen von Myopien, Astigmatismen und Anisometropien sehr gewissenhaft beleuchtet. Nachfolgend beschreibt Adrian Jennings im 20. Kapitel Wissenswertes zum Management von Binokularfehlern. Hilfreich sind auch die Tipps im Umgang mit den Eltern betroffener Kinder.

Erklärt werden unter anderem auch akkommodativer Strabismus, Konvergenzexzess, Strabismus concomitans divergensis (Divergenzexzess), nichtakkommodativer Strabismus concomitans und auch prismatische Korrekturen. In diesem Bereich ist das Buch unserer Meinung nach ein wenig zu textlastig und kurz geworden und weiteres Literaturstudium über das Buch hinausgehend empfehlenswert. In der nächsten Auflage des Buches könnte man mit Hilfe von Organigrammen und Standardverfahren – wie man sie vom angloamerikanischen Raum kennt – das Auffinden des jeweiligen Zustandes besser darstellen. Erklärungen hinsichtlich orthoptischer Übungen und der Okklusionstechnik ergänzen die Ausführungen zum Management von Binokularfehlern.

Manfred Albrecht erklärt im 21. Kapitel eine erfolgreiche Brillenanpassung bei Kindern aus anatomischer Sicht des Augenoptikers. Er beschreibt brauchbare Scheibenformen und wie der Sitz einer Kinderbrille zu optimieren ist. Das 22. Kapitel ist der Kontaktlinsenanpassung bei Kindern gewidmet. Aufgrund der guten Eigenschaften der heutigen Kontaktlinsenmaterialien und der Vielfalt der Geometrien ist eine Versorgung mit Kontaktlinsen bereits bei Kindern eine mögliche Option. Wolfgang Cagnolati erklärt gut strukturiert die Besonderheiten bei der Durchführung einer Kontaktlinsenanpassung an Kindern.

Einige Studien deuten darauf hin, dass bei sehgeschädigten Kindern der Einsatz vergrößernder Sehhilfen schon vor dem Lesenlernen in der Schule sinnvoll ist. Im 23. Kapitel beschreibt Stefanie Holzapfel adäquate Versorgungsmöglichkeiten. Aufgrund ausgeprägter Schulleistungsstörungen können sich bei einigen Kindern zum Teil schwere psychische und/oder soziale Folgeschäden ergeben. Die Gründe die dazu führen, dass Kinder Probleme beim Lesen und Schreiben aufweisen sind vielfältig. Im letzten 24. Kapitel befasst sich Veronika Vranko mit Lese- Rechtschreibschwächen von Kindern. Sie beleuchtet das soziale Umfeld als Einflussfaktor auf den Lernprozess, Begriffsdefinitionen, Häufigkeiten und Ursachen einer Lese- Rechtschreibschwäche beziehungsweise einer Legasthenie. Auch werden Beziehungen zwischen möglichen Sehanomalien und einer Lese- Rechtschreibschwäche beleuchtet.

Fazit

Mit 520 Seiten, 263 farbigen Abbildungen und 46 Tabellen ist den Herausgebern Wolfgang Cagnolati und Andreas Berke ein erstes deutschsprachiges Standardwerk in dieser Größenordnung zum Thema Kinderoptometrie gelungen. Es ist didaktisch gut aufbereitet und lässt in keinem Bereich Wesentliches aus. Lediglich beim Management von Binokularfehlern könnte das Werk noch genauere Prozeduren vertragen. Das im DOZ Verlag erschienene Buch kostet 74,90 Euro zuzüglich Versand und kann selbstverständlich online bestellt werden.