Die bessere Nahkorrektion-Methoden der Nahprüfung in Theorie und Praxis

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Regle Nahbrillenbestimmung

Heute fand im Wiener Hilton Plaza ein Rodenstock Seminar zum Schwerpunkt Nahkorrektion statt. Der von Rodenstock engagierte Referent Prof. Dr. Stephan Degle ist nebst vielen anderen Branchenfunktionen unter anderem seit 2009 Professor für Ophthalmologische Optik und Optometrie an der FH Jena. Der Schwerpunkt dieses Seminars lag in der Individualisierung Nahastigmatismus-Korrektur beim neuesten Rodenstock Gleitsichtglas mittels der Eye Lens Technology. So setzt Rodenstock bei seiner allerneuesten Generation der Gleitsichtgläser auf einen Sehschärfengewinn unter Berücksichtigung der Differenz zwischen Fern- und Nahzylinderwert.

Unterschiede zwischen dem Fern- und Nahzylinderwert können aufgrund des Abstandes vom Brillenglas zum Auge (Einstellastigmatismus), Augenbewegungen (Listing’sche Regel) und aufgrund des Astigmatismus der gegebenenfalls bei der Akkommodation auftritt (individuelle Nahrefraktion) enstehen.

Während der Einstellastigmatismus und die Listing’sche Regel für die Nähe mittlerweile serienmäßig unter dem Namen „EyeModel“ in den neuen Impression Freesign EyeLT berücksichtigt werden, kann der Augenoptiker und Optometrist ab sofort zusätzlich mit der individuellen Nahrefraktion eine abweichende astigmatische Wirkung in der Nähe mit dem „Personal EyeModel“ berücksichtigen.

Ursachen einer in der Nähe abweichenden astigmatischen Korrektion

  • Asymmetrische und damit astigmatische Krümmungszunahme der Augenlinse, insbesondere bei starken Linsenanstigmatismen
  • Verkippen der Augenlinse bei der Akkommodation und daraus resultierender Astigmatismus schiefer Bündel
  • Positionsänderung der Augenlinse bei der Akkommodation
  • Asymmetrische Verhärtung (Presbyopie) der Augenlinse
  • Medientrübungen
  • Verkippte Intraokularlinse
  • Irreguläre Hornhautastigmatismen (auch geringe)

Sinnvolle und notwendige Funktionsprüfungen

Um eine optimale, bessere Nahkorrektion zu erreichen empfahl Degle unter anderem neben einer umfassenden Anamnese und eine Beurteilung des vorderen Augenabschnittes standardgemäß folgende Funktionsprüfungen durchzuführen:

  • Motilitätstest
  • Prüfung der Blicksakkaden
  • Prüfung des Binokularsehens für Ferne und Nähe
  • Bestimmung des Konvergenznahpunktes
  • Prüfung des maximalen Akkommodationserfolges
  • Prüfung der Akkommodationsdynamik
  • Prüfung der Pupillenreaktion
  • Konfrontationsperimetrie und Amslertest

Astigmatismusermittelung an der Strahlenfigur

Zur Messung des Astigmatismus gab Dr. Degle der Strahlenfigur den Vorzug gegenüber der Kreuzzylindermethode. Er begründete dies, da der Klient an der Strahlenfigur alle Achslagen zugleich sieht (simultane Methode) und der Streß des Vergleichens zwischen dem Flippen des Kreuzzylinders (alternative Methode) wegfällt. Im Zuge dessen frischte Degle für die Anwesenden den Ablauf der Zylindernebelmethode auf. Im weiteren wies Degle auf die für die Nahbrillenbestimmungen relevanten Unterschiede zwischen Akkommodationsaufwand und Akkommodationserfolg hin. So müssen Hyperope für den gleichen Akkommodationserfolg mehr akkommodieren als Myope. Selbst bei geringen Anisometropien ergeben sich somit auch unterschiedliche Akkommodationserfolge der beiden Augen. Die Additionsvergabe sollte deshalb keinesfalls einfach nach dem Alter vergeben werden.

Nahastigmatismus

Der richtige Nahzusatz

Eine Erhöhung des Nahzusatzes sollte laut Degle maximal +0,50 Dioptrien gegenüber der aktuell getragenen Brille erfolgen, da die Sehfelder und Sehbereiche sonst zu signifikant kleiner werden. Die Einschätzung der Nahaddition empfahl Degle nach dem von ihm selbst benannten „EVA-Prinzip“:

  • E wie Entfernung: Die vom Klienten gewünschte Nahentfernun
  • V wie Visus: Wahl der Addition unter Berücksichtigung des Visus
  • A wie Anatomie: Berücksichtigung von Gegebenheiten wie längere Arme bei größeren Menschen

Bei der Nahprüfung wies Degle auf die Notwendigkeit der korrekten Vorneigung hin und empfahl selbst bei myopen Personen die Justierung der Messbrille nach der NahPD. Als Faustregel empfahl er eine Veringerung gegenüber der FernPD um etwa 5mm.

Zur Bestimmung der Nahaddition sollte laut Degle primär der monokulare, maximale Akkommodationserfolg und nicht das Lebensalter als Grundlage dienen. Nach einem Hinweis auf die Durchführung des Feinabgleichs und der Prüfung der Binokularfunktion für die Nähe referierte Degle zur eigentlichen Bestimmung des Nahastigmatismus mit Hilfe der unter monokularen Bedingungen dargebotenen Strahlenfigur. Im Fall einer Änderung der astigmatischen Werte in der Nähe gegenüber der Fernkorrektur, muss abschließend nochmals ein sphärischer Feinabgleich für die Nähe erfolgen.

Neue Umsätze generieren

Am Ende seines Vortrages gab Degle Tipps betreffend der Kundenkommunikation hinsichtlich der Messung des „Nahastigmatismus“ und der Verrechung der damit zusammenhängenden Dienstleistungen. Der Referent stellte unter anderem die Möglichkeit einer Verrechnung von optometrischen Augenprüfungen auf Basis eines Stufenmodells je nach den tatsächlich angewandten Leistungen vor.

Fazit

Mit der Berücksichtigung des individuellen Nahastigmatismus in modernen Gleitsichtgläsern hat Rodenstock ein interessantes Terrain erschlossen, welches eine genauere Betrachtung verdient. Wer den heutigen Vortrag in Wien versäumt hat, kann kurzentschlossen morgen 14.9. in Graz und übermorgen 15.9 in Salzburg den Vortrag mit Prof. Dr. Degle besuchen. Unter Umständen wird der Vortrag in Österreich zu einem späteren Zeitpunkt nochmals wiederholt. Genauere Infos erhält man bei Rodenstock Österreich (Tel. 01/59900).