Die unglaubliche Geschichte von Brillen und Rohren

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Die unglaubliche Geschichte von Brillen und Rohren

Reinhard Bauer hat in einem umfassenden Werk die Erfindungen und das Leben der Familie Anger zusammengefasst. Neben den Hintergründen zu einem Teil der österreichischen Brillengeschichte der letzten 70 Jahre, finden sich auch bemerkenswerte historische Berichte aus der Nachkriegszeit, dem bemerkenswert zielstrebigen Verhalten der Familie Anger und damit auch ein Stück österreichische (Brillen-)Zeitgeschichte.

Brillenproduktion in der Nachkriegszeit

Die ursprünglich aus dem Sudetendeutschland stammende Familie Anger wurde in den Nachkriegswirren des zweiten Weltkrieges wie so viele Familien aus dem Sudetendeutschland vertrieben und siedelten sich letztendlich in Österreich an. Zuerst unter einfachsten Bedingungen in Donauwörth. Mit der 1947 ausgestellten Genehmigung wieder das Schweiß- und Hartlötmittel „Angerit“ herzustellen, konnte der Vater der sechs Angerkinder – Wilhelm Anger – in einer Ecke der gemeinsamen Donauwörther Wohnung die Chemikalien zusammenmischen und herstellen. In Folge kam Anger die entscheidende Idee auch Schweißer-Brillen herzustellen, welche auf der Wiener Frühjahrsmesse 1947 bereits ausgestellt wurden. Damit war der Grundstein zur Anger Brillenherstellung gelegt. Bereits ein Jahr später wurden aus den Verkäufen aus der Messe das erste Betriebsgrundstück in Traun, in der Johann-Roithner-Straße, gekauft und darauf eine einfache Produktionsbaracke errichtet.

Angetrieben vom ersten Messeerfolg bauten die Söhne Toni und Willi Anger gemeinsam mit Schwester Anneliese die Brillenproduktion kontinuierlich aus und integrierten im Jahr 1949 optische Metall-Brillenfassungen im Anger Programm. Bereits zwei Jahre später wurden Kunststofffassungen in die Produktion mit aufgenommen. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt wurden Brillenfassungen im Anger Werk unter anderem auch im Spritzgussverfahren hergestellt. Zeitgleich produzierte die Familie Anger auch weitere Produkte wie Sandalen und Abflussrohre aus Kunststoff. Für Letztere wurde eine neue Rohrverbindung konzeptioniert und entwickelte die erste Steckmuffenverbindung. Der Verkauf der Rohrproduktion im Jahr 1961 finanzierte dann die weitere Firmenexpansion im Brillenbereich.

Von der Zweckbrille zur Modebrille

In den 60ern mutierte die Zweckbrille zur Modebrille. Die Brille wurde zum modischen Accessoire. Bereits ab dem Jahr 1956 arbeitete Udo Proksch – damals noch Kunststudent – für das Anger Brillenwerk. Er lieferte nicht nur Design sondern auch Ideen, die damals vollkommen neu waren und die man heute als „Guerilla-Marketing“ bezeichnen würde.  In seine Ära fielen unter anderem neuartige Shop-im-Shop-Konzept und auffälliges Material für Auslagen-Inszenierungen. Immer gewagter wurden die Designs und mit den Marken Carrera und Viennaline erreichte man neue Zielgruppen. Der von Udo Proksch erfundene Brand Serge Kirchhofer sollte das Luxussegment ansprechen.

Ein weiterer Teilbereich der Anger Erfolgsstory war der Maschinen- und Anlagenbau. Fabriksausrüstungen wurden unter anderem in die USA und in die damalige UDSSR geliefert.

In den 60er Jahren kam es in Folge eines Konflikts zur wirtschaftlichen Trennung der beiden Angerbrüder Wilhelm und Anton. Auch Anneliese und deren Ehemann Arnold Schmied – letzterer war zu dem Zeitpunkt Entwicklungsleiter der Brillenfabrik – schieden zu diesem Zeitpunkt aus dem Unternehmen aus. Anneliese und Arnold Schmied wurden von Wilhelm unter anderem mit Maschinen und Fertigungsmaterial abgegolten und gingen damit eigene (gut bekannte) Wege in der Brillenherstellung.

Nach diesen Umwälzungen verlegte Wilhelm Anger seinen Wohnsitz und einen Teil der Brillenfertigung nach Wien und expandierte weiter. Bereits Mitte der 60er Jahre wurden die ersten Sportler als Werbeträger für Brillen verpflichtet. Damals eine absolute Novität. Ende der 60er Jahre wurde in den Anger Werken eine neue Epoxidharz Gießtechnik entwickelt, welche bis heute unter dem Namen Optyl bekannt ist und immer noch produziert wird. Der Werkstoff ist 20 Prozent leichter als Acetat und wesentlich härter, kratz- und lösungsmittelbeständiger. Das jedem/r Augenoptiker/in bekannte Merkmal ist jedoch der Memory-Effekt beim Erwärmen und beim Abkühlen der Brillenfassung. Mit den Marken Sunjet und Cobra vergrößerte man das Repertoire.

In den 70ern kam das Unternehmen erstmals ins Straucheln und konnte jedoch saniert wieder auf Wachstumskurs gebracht werden. Allerdings wurde die Optyl Holding an den Zeitschriftenverlag Heinrich Bauer verkauft.

Spannendes Detail am Rande ist die Arbeit vom österreichischen Berufsschullehrer Dieter Fahrner, welcher Mitte der 70er Jahre zur Vermessung von Köpfen und zur Erarbeitung von heute noch gültigen Anpassregeln für Brillenfassungen von Optyl engagiert wurde.

Fazit

Der im Jahr 2014 verstorbene Brillen-Pionier Wilhelm Anger prägte mit seinem Bruder Anton maßgeblich die Kunststofftechnik in Österreich. Das hier beschriebene, in der Berger Print GmbH erschienene, Buch „Die unglaubliche Geschichte von Brillen und Rohren – die Unternehmerfamilie Anger und ihre Erfindungen“ spiegelt eine für die Augenoptik relevante Zeitgeschichte. Zudem hat es Autor Reinhard Bauer geschafft auf etwa 430 Seiten sein spannendes Buch auch mit historischen Gegebenheiten der Kriegs- und Nachkriegszeit zu komplettieren. Es zeigt welche Zielstrebigkeit, Durchsetzungskraft und auch Glück notwendig waren um in dieser Zeit zu überleben und etwas aufzubauen.

Den Kauf des Buchs und das Lesen desselbigen lohnt unter anderem schon alleine wegen der knapp 700 Bilder, die den Weg der Familie Anger und der jüngsten Brillengeschichte portraitieren.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels konnte das Buch direkt bei der Berger Print GmbH zum Preis von 42,00 Euro inklusive 10% Mwst bestellt werden. Verpackung und Porto innerhalb Österreichs zuzüglich EUR 5,50.