Hyperopie als spannende Erweiterung der Ortho-K-Versorgung

Orthokeratologie, kurz Ortho-K, wird im Praxisalltag häufig mit Myopie und Myopiemanagement in Verbindung gebracht. Das ist nachvollziehbar, dennoch bietet die moderne Ortho-K deutlich mehr Einsatzmöglichkeiten.

Autorin: Stefanie Karatas, Dipl.-Ing. (FH) Augenoptik | Co-Autor: Gero Mayer, Augenoptikermeister

Nachtlinsen ermöglichen nicht nur eine zentrale Abflachung zur Myopiekorrektion, sondern können bei entsprechendem Design auch eine gezielte und kontrollierte zentrale Veränderung der Hornhautform bewirken. Dadurch wird die Hyperopie zu einer realistischen Indikation, als individuell planbare Option für hyperope Kundinnen und Kunden, die tagsüber ein brillen- oder kontaktlinsenfreies Sehen anstreben.

Der zentrale Unterschied liegt im Korrektionsaufbau. Während bei der myopen Ortho-K eine zentrale Abflachung mit relativ stärkerer Mittelperipherie entsteht, wird bei der hyperopen Variante eine kontrollierte zentrale Versteilung im optisch wirksamen Bereich angestrebt. Die angrenzenden Zonen zeigen dabei ein harmonisches, gut steuerbares Anpassprofil. Studien zur hyperopen Ortho-K beschreiben ein konsistentes topographisches Muster mit zentraler Versteilung und einer refraktiven Verschiebung in Richtung Myopie. Bei presbyopen Kundinnen und Kunden kann dieses Prinzip zudem funktionell genutzt werden, ohne die binokulare Fernsicht grundsätzlich zu beeinträchtigen.

In der praktischen Umsetzung zeigt sich, dass der Anpasserfolg weniger vom Alter abhängt, sondern vielmehr von Hornhauttopographie, Refraktion, Pupillengröße, Tränenfilmstabilität, Zentrierbarkeit und realistischen Erwartungen. Die bisherigen Anpassfälle zeigen eine breite Spannweite, vom jüngeren hyperopen Patienten bis hin zur Presbyopie-Versorgung. Entscheidend dabei ist, stets die Eignung der Hornhaut für ein stabil zentrierbares und individuell adaptierbares Design.

Optimal für hyperope Ortho-K-Anpassungen sind Refraktionen von etwa +0,50 bis +3,50 dpt. Häufig zeigen sich sehr gute Ergebnisse, insbesondere bei niedrigen bis moderaten Hyperopien, auch höhere Werte innerhalb des genannten Bereichs können bei passender Topographie eine gute ganztägige Stabilität erreichen.

Vorauswahl, Topographie und Designlogik

Die Grundlage jeder erfolgreichen hyperopen Ortho-K-Anpassung ist eine zuverlässige und reproduzierbare Hornhauttopographie. Für die Planung und spätere Optimierung sollten mindestens folgende Parameter erfasst werden: subjektive Refraktion, topographische Messdaten in Millimetern, Hornhautdurchmesser, flacher und steiler Radius inklusive Achslage sowie die Exzentrizität in den Hauptmeridianen.

Besonders hilfreich ist dabei die tangentiale Darstellung der Topographie. Sie ermöglicht es, Dezentrierungen, die Lage des Wirkbereichs sowie Veränderungen in der mittleren Peripherie häufig deutlich klarer zu erkennen als eine rein axiale Darstellung. Dadurch lassen sich Anpassungen gezielter beurteilen und optimieren.

Ebenso zentral ist die Beurteilung des Fluoreszeinbildes. Dieses sollte unter statischen Bedingungen, möglichst zentral und ohne störenden Lideinfluss beurteilt werden. Gerade bei der hyperopen Ortho-K ist es wichtig, nicht unbewusst das myope Muster zu übertragen. Der Aufbau ist hier aufgrund der zentralen Versteilung entgegengesetzt zum bekannten myopen Profil und ähnelt eher einer formstabilen Steilanpassung. Ein gutes Fluobild liefert oftmals die entscheidende Erklärung dafür, warum sich eine Topographie günstig oder ungünstig entwickelt.

Für die Optimierung sollten daher stets drei Informationsquellen gemeinsam betrachtet werden: die subjektive Refraktion mit und ohne Nachtlinse, die tangentiale Topographie sowie das statische Fluoreszeinbild. Erst im Zusammenspiel entsteht ein vollständiges Bild der Anpasssituation.

Es stehen zwei verschiedene Materialien in vier verschiedenen Farben zur Wahl, um das Vertauschen zwischen rechtem und linkem Auge zu vermeiden: Boston XO (Dk 100) und Optimum Infinite (Dk 180). Beide erfüllen die Anforderungen an eine hoch sauerstoffdurchlässige und formstabile Versorgung. Eine hohe Sauerstoffpermeabilität ist dabei eine wichtige Voraussetzung für die sichere Anwendung und muss durch sorgfältige Kontaktlinsenhygiene und konsequente Nachkontrollen ergänzt werden. Zur weiteren Identifizierung der Kontaktlinse bekommt jede die Seriennummer graviert.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist zudem die periphere Stabilisierung. Eine peripher torische Gestaltung, beispielsweise bei der NightFlex, ist insbesondere bei relevantem Hornhautastigmatismus oder bei sagittalen Höhendifferenzen der Meridiane in 8mm sinnvoll. Dieser Aspekt ist auch bei der hyperopen Ortho-K entscheidend, da Dezentrierungen schneller optisch wahrgenommen werden und die Sehqualität herabsetzen können. Je ausgeprägter die Unterschiede zwischen den Meridianen, desto wichtiger wird eine torische Peripherie, um die Wirkzone stabil auf der visuellen Achse zu halten.

Die ersten Nächte geben Aufschluss über das Sitzverhalten der Nachtlinse. Dieses ist einer der wichtigsten Faktoren für die zentrale Versteilung und damit für den Korrektionserfolg. Abweichungen sollten deshalb zeitnah korrigiert werden, um die zentrale Wirkung zu stabilisieren. Ein guter zentraler Sitz ist die Voraussetzung für gutes Sehen ohne Korrektionshilfen.

Orthokeratologie bei Hyperopie & Presbyopie – Möglichkeiten, Grenzen und praxisbezogene Fallbeispiele im kostenfreien Video beim COE Campus.

Praxisfälle zeigen die Bandbreite

Beispiele aus der täglichen Anpasspraxis verdeutlichen anschaulich, dass hyperope Ortho-K keineswegs auf junge Zielpersonen beschränkt ist. Vielmehr zeigt sich eine vielfältige Anwendbarkeit, sofern Zentrierung, Hornhautprofil und Designlogik konsequent berücksichtigt werden.

Bei einem 39-jährigen Kunden mit R +1,25 dpt und L +2,00 -1,00/90° wurde eine NightFlex Hyperopie angepasst. Die Ausgangstopographien und Fluoreszeinbilder lieferten die entscheidenden Grundlagen für die Anpassentscheidung, während die Zieltopographien im Verlauf die erreichte Wirkung nachvollziehbar dokumentierten. In der Kontrolle zeigte sich beidseits eine Refraktion von 0,00 dpt bei einem Visus von 1,25. Solche Verläufe sind für die Praxis besonders wertvoll, da sie verdeutlichen, dass auch ein moderater hyperoper Astigmatismus kein Ausschlusskriterium darstellt, solange Zentrierung und Hornhautprofil stabil sind.

Noch praxisrelevanter wird das Konzept im Bereich der Presbyopie. Eine 63-jährige Kundin mit beidseits +1,50 dpt und geringem Astigmatismus erhielt rechts die Fernkorrektur und links eine auf Addition ausgerichtete Versorgung. In der Anpassung wird für das linke Auge eine Zielwirkung von +3,00 dpt angegeben. Die anschließende Kontrolle bestätigte ein gutes Auskommen im Alltag mit einem Visus von 1,0. Interessant ist dieser Verlauf, da er das grundlegende Prinzip gut veranschaulicht: Presbyopie wird nicht durch eine Wiederherstellung der Akkommodation „aufgehoben“, sondern durch eine gezielte Umverteilung der optischen Verhältnisse, etwa über Monovision, additive Strategien oder modifizierte optische Zonen, alltagstauglich kompensiert.

Ein weiterer Fall betrifft eine 57-jährige Kundin mit niedriger Hyperopie, die zuvor ausschließlich eine Lesebrille genutzt hatte. Der funktionelle Nutzen ist hier weniger spektakulär, im Alltag jedoch häufig besonders deutlich spürbar. Gerade bei Tätigkeiten mit wechselnden Sehentfernungen kann bereits eine geringe refraktive Veränderung zu einer spürbaren Entlastung führen. Niedrige Hyperopien sind daher oft sehr dankbare Kandidaten, sofern Erwartungen und Zielsetzung klar und realistisch kommuniziert werden.

Beim 46-jährigen Kunden mit beginnender Presbyopie wurde zusätzlich mit einer verkleinerten optischen Zone gearbeitet. Optisch ist dieses Vorgehen gut nachvollziehbar: Eine kleinere Wirkzone kann die Tiefenschärfe erhöhen und somit die Sehqualität in der Nähe verbessern. Im späteren Verlauf zeigte sich zudem, dass dem Kunden ein Tragerhythmus von jeder zweiten Nacht ausreichte. Dies sollte nicht als generelle Empfehlung verstanden werden, zeigt jedoch eindrucksvoll, wie individuell das Trageverhalten gestaltet werden kann.

Fall 1, 39 Jahre: Ausgangstopographien vor NightFlex HyperopieAbb. 1: Fall 1, 39 Jahre: Ausgangstopographien vor NightFlex Hyperopie

Fall 1, Zieltopographien und refraktives Ergebnis nach AnpassungAbb. 2: Fall 1, Zieltopographien und refraktives Ergebnis nach Anpassung

Grenzen, Kontrollen und Fazit

Sowohl Literatur als auch klinische Erfahrung zeigen, dass ein reproduzierbarer Effekt erreichbar ist. Dieser hängt jedoch von Design, Hornhautprofil, Zentrierung und Zielrefraktion ab. Presbyope Kundinnen und Kunden sollten zudem Monovision und/oder eine gezielt erzeugte Tiefenschärfe tolerieren können.

Daher sollte die Indikation nicht allein aus dem Wunsch nach Brillenfreiheit abgeleitet werden, sondern stets aus der Gesamtschau von Befund, Motivation, Sehanforderungen und Risikoprofil.

Ein zentraler Baustein der sicheren Anwendung sind anfangs engmaschigere Nachkontrollen. Bereits nach den ersten Nächten sollten der Hornhautstatus, das Fluoreszeinbild, die unkorrigierte Sehschärfe, die subjektive Refraktion sowie die erste topographische Reaktion im Fokus stehen. In der weiteren Verlaufskontrolle geht es um Stabilisierung und um Veränderungen bei Tragezeit, Sehqualität oder Komfort.

Rötungen, Schmerzsymptomatik, Photophobie oder Visusminderung sollten stets zeitnah bewertet und durch gezieltes Optimieren der Ortho-K bzgl. Sitz, Design, Trageverhalten und Pflege verbessert werden. Die Sicherheit der Ortho-K-Anpassung basiert wesentlich auf Compliance, Hygiene, geeigneter Kontaktlinsenpflege und regelmäßigen Nachkontrollen.

Zur Auswahl geeigneter Träger ist entscheidend, dass die Hyperopie im möglichen Rahmen liegt, reguläre und gut messbare Hornhautverhältnisse gegeben sind, stabile Zentrierbedingungen bestehen, realistische Erwartungen vorliegen und eine hohe Zuverlässigkeit in der Anwendung erwartet werden kann. Bei presbyopen Kundinnen und Kunden kommen zusätzlich die Bereitschaft zu Monovision oder additiven Strategien sowie eine sorgfältige Bewertung der binokularen Sehanforderungen hinzu.

Das Fazit ist positiv, denn auch hyperope Ortho-K Anpassungen sind gut umsetzbar und nicht auf den klassischen jungen Myopen beschränkt. Bei optimalen Rahmenbedingungen kann die Orthokeratologie auch für hyperope und presbyope Kundinnen und Kunden eine wirksame Alternative sein.

Entscheidend bleibt dabei die passende Selektion: Nicht das Alter allein bestimmt den Erfolg, sondern die Passung zwischen Indikation, Hornhautprofil, Design und Erwartungsmanagement.

Fall 2, 63 Jahre: hyperope Presbyopie, AusgangssituationAbb. 3: Fall 2, 63 Jahre: hyperope Presbyopie, Ausgangssituation

Fall 2, Zieltopographien nach monovisions-/additionsorientierter VersorgungAbb. 4: Fall 2, Zieltopographien nach monovisions-/additionsorientierter Versorgung

Abb. 5: Fall 4, 46 Jahre: beginnende Presbyopie, verkleinerte OptikzoneAbb. 5: Fall 4, 46 Jahre: beginnende Presbyopie, verkleinerte Optikzone

Fall 4, Zieltopographien; individuell ausreichende Wirkung bei zweinächtlichem RhythmusAbb. 6: Fall 4, Zieltopographien; individuell ausreichende Wirkung bei zweinächtlichem Rhythmus

Orthokeratologie bei Hyperopie & Presbyopie – Möglichkeiten, Grenzen und praxisbezogene Fallbeispiele im kostenfreien Video beim COE Campus.

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Erstveröffentlichung in der Optometrie 2/2026.

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  • Bronner R. Orthokeratology in Hyperopia and associated Presbyopia – a Case Report. OCL. 2023. doi:10.54352/dozv.ODWQ3597.

 

 

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