Interview mit Gleitsichtglasentwickler Bernard Maitenaz

Das Gleitsichtglas gehört heute zu den großen Errungenschaften in der Augenoptik. Der Erfinder Bernard Maitenaz spricht im opti-Exklusiv-Interview darüber, wie er auf die Idee kam, 1959 das Gleitsichtglas für Essilor zu entwickeln – und wie die Augenoptikbranche in den Anfangszeiten auf seine Neuentwicklung reagierte.

Auf der opti ’09 bietet sich der Augenoptikbranche ein einmaliger Anlass zum Feiern: Das Gleitsichtglas wird 50 Jahre alt. Im Jahr 1959 entwickelte der Franzose und Diplom-Ingenieur Bernard Maitenaz das erste Brillenglas „Varilux“, das scharfes Sehen auf nahe und ferne Distanzen ermöglicht. Diese Erfindung gilt noch heute als ein Quantensprung in der Augenoptik. Auch 50 Jahre später sind Gleitsichtgläser immer noch die modernste Korrektur für Alterssichtigkeit. Sie garantieren bei allen Entfernungen eine unvergleichliche Sehschärfe.

„Mein Ziel war immer eine bessere und komfortablere Sicht für alle“

Frage: Wie kamen Sie auf die Idee, Gleitsichtgläser zu entwickeln?
Bernard Maitenaz: Diese Idee kam mir, als ich mir die Bifokalbrille meines Vaters aus reiner Neugier auf die Nase setzte. Mit seinen Gläsern erschien mir das Sehen einfach unnatürlich und unbequem. Im oberen Teil der Linse war die Fernsicht gut, und unten erlaubte das Nahfenster ebenfalls eine gute Sicht. Dazwischen aber gab es plötzlich einen Sprung, der das Sehen zerschnitt. Mit Bifokalgläsern zerfällt die Welt in zwei separate Bereiche! Für mich war es viel logischer und komfortabler, Gläser mit kontinuierlich verlaufender Nah- und Fernsicht einzusetzen – und somit eine Gleitsichtoberfläche, die eine ununterbrochene Sicht in allen Sehbereichen zulässt.

Frage: Wie sah es denn damals in der Optikbranche aus?
Bernard Maitenaz: Dieses Konzept widersprach einfach allen damals anerkannten Grundsätzen der Augenoptik. Außerdem gab es noch keine Anlagen oder Werkzeuge, die diese Gläser hätten produzieren können.

Frage: Und wie reagierte der Markt? Gab es Probleme? War es schwierig, den Markt zu überzeugen?
Bernard Maitenaz: Die meisten Augenoptiker und auch Wissenschaftler hielten Gleitsichtgläser mit seitlicher Verzerrung für absurd. Damals waren Gleitsichtbrillen ein Ding der Unmöglichkeit. Woraufhin meine Gleitsichtgläser zunächst keinen Anklang fanden – und auch meine Theorie, dass wir die Welt nicht ausschließlich mit dem Auge, sondern über ein umfassendes visuelles System wahrnehmen, stieß auf wenig Verständnis. Das Auge erscheint zwar als offensichtliches Sehorgan, doch die tatsächliche Wahrnehmung unserer Umwelt geschieht über ein komplexes System, das Linsen, Augen und Hirn mit einschließt. Damals schien den Fachleuten schon das Konzept einer optischen Oberfläche mit Gleitsicht widersprüchlich: Eine solche Oberfläche führte zwangsläufig zu einer seitlichen Blickverzerrung, die bei Einstärkengläsern schon fast ausgemerzt war. Während des 20. Jahrhunderts suchte die gesamte Branche stets nach dem bestmöglichen Bild, der besten Bildschärfe über die gesamte Glasoberfläche. Für eine einheitliche Korrektionswirkung war das sicher richtig. Bei Mehrstärkengläsern war ich allerdings der Ansicht, dass seitliche Abweichungen einem Bildbruch in der Mitte vorzuziehen wären. Varilux stand in krassem Widerspruch zu den damals anerkannten Grundsätzen.

Bernard MaitenazBernard Maitenaz im Gespräch

Frage: Was halten Sie von den neuen Optik-Trends? Gleitsichtgläser in topmodischen Designer-Gestellen? Hätten Sie sich das 1959 vorstellen können?
Bernard Maitenaz: Ich persönlich bin mit der erfolgreichen Weiterentwicklung der Gleitsichtgläser sehr zufrieden. Dieser Trend in Richtung personalisierter Gleitsichtgläser wurde durch die innovativen Fertigungstechniken sowie durch die Berücksichtigung der Wünsche von Brillenträgern vorangetrieben. In einigen Fällen bedürfen Gleitsichtgläser in Designer-Gestellen einer genauen Anpassung. Aus technischer Sicht ist dies heute ohne Weiteres – und ohne Einschränkung des Sehkomforts – möglich. Mein Ziel war immer eine bessere und komfortablere Sicht für alle – d. h. modernes Sehen, moderner Look. Designer-Gestelle und Gleitsichtgläser passen also gut zusammen: Beide sind modern und der perfekte Ausdruck unseres heutigen Lebensstils.

Die neuesten Generationen in der Gleitsicht auf der opti ’09

Zwischen 1959 und heute liegen mehrere Entwicklungsstufen: Auf der Internationalen Optik-Trendmesse, die vom 23. bis 25.1.2009 in München stattfindet, zeigen führende Hersteller wie Essilor, Hoya, Rodenstock oder Zeiss die Innovationen und Weiterentwicklungen im Bereich der Gleitsicht. Waren die ersten Gläser noch relativ unflexibel und führten zu hohen Abbildungsfehlern, glänzen neueste Marktentwicklungen durch Tragekomfort und Präzision. Individuelle Gleitsichtgläser korrigieren nicht nur den Sehfehler, sondern berücksichtigen in ihrem Design auch Augenabstand, bevorzugte Leseentfernung, persönliche Motorik von Augen und Kopf sowie Größe der Brillenfassung. Die opti ’09 informiert die Fachbesucher darüber, inwiefern sich der Einsatz neuester Technologien und Materialien auf den Sehkomfort von Brillenträgern auswirkt. Zudem wissen interessierte Augenoptiker im Anschluss an die drei Messetage, welche Varianten der Gleitsicht sich in der Branche künftig durchsetzen werden.

Der Trend geht weiter in Richtung Individualität und Maßschneiderung

Im Trend liegen Gläser mit möglichst kleinen Randzonen, um stufenloses Sehen zu garantieren und Unschärfen zu minimieren. Im Gegenzug werden die drei Blickfelder in ihrer Größe optimiert: je moderner das Gleitsichtglas, desto größer und breiter fallen Fern-, Zwischen- und Lesebereiche aus. Die jüngeren Generationen berücksichtigen zudem individuelle Kopf- und Augenbewegungen – und sind somit exakt auf das Sehverhalten des Brillenträgers abgestimmt. Das optikum wird wie gewohnt über die Neuheiten der Brillenglashersteller in der Messeberichterstattung Jänner 2009 berichten.

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