VDCO‘ 16

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VDCO' 16

Am Wochenende 7.-9. Oktober 2016 fand im kurfürstlichen Schloss Mainz eine groß angelegte Fortbildungsveranstaltung mit ausgezeichneten Referenten statt. Die VDCO (Vereinigung Deutscher Contactlinsen-Spezialisten und Optometristen e.V.) legte die „Optometrie 16“ und die „Contact 16“ auf ein Wochenende. Das Konzept ging auf – die Veranstaltung war gut besucht. Das optikum war mit zwei Redakteuren vor Ort und hat auf der VDCO 2016 so viele Workshops und Vorträge wie möglich besucht.

Hornhautdickenmessung mit dem OCT bei Keratokonus und Keratoplastik
Ing. Gustav Pöltner


Der Spezialist für komplizierte Kontaktlinsenanpassfälle und in diesem Zusammenhang bekannte Fachbuchautor Ing. Gustav Pöltner referierte bekannt praxisnah und mitreißend zu den sich aktuell bietenden Möglichkeiten in der Anpassung von Kontaktlinsen bei Keratokonus und Keratoplastik. So berichtete Pöltner über seine Versuche mit dem OCT eine Möglichkeit zu finden, um die Tränenfilmdicke zwischen Kontaktlinse und Cornea evaluieren zu können. Leider war die Abbildung nicht so gut wie von ihm erhofft. Auch die Erkennung eines Keratokonus war mit dem OCT für Pöltner unbefriedigend. Während Messungen in der Topometrie eindeutige Keratokonis aufzeigten, war mit dem OCT oftmals gar keine Verdünnung bzw. Vorwölbung der Cornea am Apex in der Bildgebung ersichtlich.

Interessant waren Pöltner’s Ausführungen zur Verteilung der Hornhautdicke bei Keratokonis. So kam er im Rahmen einer Studie bei Messungen von Augen mit einem Keratokonus auf eine durchschnittliche, zentrale Hornhautdicke von 471 Mikrometer in 180° und 467 Mikrometer in 90°. Die periphere Dicke war im Mittelwert 567 Mikrometer in 180° und 551 Mikrometer in 90°. Seine Schlussfolgerung daraus war, dass Hornhäute zumeist vertikal dünner als horizontal sind.

Im Weiteren referierte Pöltner zu den Eigenschaften und Einsatzmöglichkeiten oblonger Geometrien in der Kontaktlinsenanpassung bei einer überraschenden Myopisierung nach erfolgter, refraktiver Chirurgie.

Pöltner ermunterte zudem das Auditorium Ventilationsbohrungen anzubringen. „Es sei keine große Hexerei“, so der Referent. Für Kollegen, die sich mit Ventilationsbohrungen erstmals befassen wollen, hat Pöltner auf YouTube selbsterklärende Videos zum Bohren von Ventilationsöffnungen hochgeladen.

Myopiekontrolle für Ihre Praxis
Stefan Lahme


Der Workshop von Stefan Lahme befasste sich mit möglichen Beratungsstrategien und Messtechniken für von Myopie betroffenen Kindern und deren Eltern. Lahme motivierte das Auditorium die Technik der Skiaskopie bei allen Kindern – aber letztendlich auch bei allen Jugendlichen – anzuwenden. „Studien zum Thema Myopie haben die Erkenntnis gebracht, dass Unterkorrekturen zu einem Triggern der Myopie führen können. In diesem Zusammenhang ist die Information der Eltern betroffener Kinder ein ganz wesentlicher Aspekt und engmaschige Kontrollen zu fördern“, so Lahme.

Weiterer Schwerpunkt Lahme’s Vortrag war die Präsentation von typischen Fallbeispielen und möglichen Versorgungsstrategien um einem drohenden Fortschreiten der Myopie nachhaltig entgegenzuwirken.

OCT in der optometrischen Praxis versus sehen!
Walter Gutstein, PhD


„Ein normaler zentraler Visus und offensichtlich gutes Kontrastsehen führen nicht automatisch zu einem guten Sehen“, erklärte Walter Gutstein, PhD in seinem Vortrag, welcher das Thema OCT Abbildungen und deren Korrelation mit Visus und Kontrastsehen in der Brillenversorgung zum Thema hatte. So ist es bei Versorgung mit Sehhilfen im Falle von Retinopathien nicht egal, in welchem konkreten, makulären Bereich mögliche Defekte vorliegen. Gutstein betonte, dass es dabei keinesfalls darum ginge Auffälligkeiten im medizinischen Sinne aufzudecken oder gar Diagnosen zu treffen. Vielmehr sehe er in der Nutzung des OCT’s – bei bereits augenärztlich behandelten Retinopathien – als Chance, die Auswahl von optimalen, optischen Sehbehelfen besser treffen zu können.

„Nur wenn Augenoptiker und Optometristen die Sehprobleme und das Sehen ihrer Kunden verstehen, können sie auch die richtigen Hilfsmittel auswählen“, so Gutstein. Wenn der Kunde zum Beispiel Areale von gutem Sehen haben, und der Augenoptiker auch das Wissen hat, wo diese liegen, dann kann der Augenoptiker auch Hilfestellungen und Ratschläge im Umgang mit der abgegebenen Sehhilfe oder Hilfsmittel geben.

Individuelle weiche Kontaktlinsen
Torven Ziehmer


Referent Torven Ziehmer zeigte in seinem Vortrag Strategien auf, um die durch standardisierte Kontaktlinsen verursachte Drop Out Raten zu reduzieren und in Folge eine langfristige, zufrieden stellende Versorgung zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang zeigte Ziehmer die Möglichkeit, auf unterschiedliche Corneoskleralprofile einzugehen und dadurch das Sitzverhalten und die Zentrierung weicher Kontaktlinsen zu verbessern. Des Weiteren empfahl der Referent die Nutzung individueller Gesamtdurchmesser zur Verbesserung des Sitzverhaltens vermehrt zu nutzen.

Torische Weichlinsen benötigen naturgemäß eine gute Stabilisierung. Je nach Hornhautgeometrie und Lidspaltenanatomie empfehlen sich unterschiedliche Stabilisierungsarten. Der Referent zeigte mehrere Fallbeispiele und demonstrierte unter anderem mit Hilfe einer Spaltlampe das unterschiedliche Sitzverhalten weicher Kontaktlinsen mit differenten Gesamtdurchmessern. Komplettiert wurde dieser Workshop durch Tipps zur Anpassung multifokaler, weicher Kontaktlinsen.

Orthokeratologie
Peter Bruckmann


Die langjährigen Ortho-K-Erfahrungen von Peter Bruckmann – Leiter der WVAO Arbeitsgruppe Orthokeratologie – haben den Referenten überzeugt, dass erfolgreiche Ortho-K Träger ihre ursprüngliche Fehlsichtigkeit als solche gar nicht mehr wahrnehmen. Bruckmann sieht Ortho-K Anpassungen als eine der sichersten Varianten bei der Versorgung mit Kontaktlinsen. So fallen zum Beispiel Probleme durch Kontaktlinsen verursachte trockene Augen weg. Wichtig ist jedoch eine gute Kommunikation im Vorfeld. Bruckmann setzt in der Kundenkommunikation auf die Erstellung eines Videos vor Beginn der Anpassung und nach erfolgter Anpassung. Diese Strategie dient neben der Aufklärung auch zur Dokumentation, dass keine von außen sichtbare Veränderungen der Hornhaut auftreten.

Der Referent erklärte die Kapillarkräfte und damit verbundenen, reversiblen Verschiebungen der Epithelzellen und Veränderungen im Größenbereich von 12 bis 18 Mikrometern. Bruckmann empfahl den Einsatz von Ortho-K bis circa -4,00 Dioptrien. Er berichtete, dass nach der ersten Nacht mit Ortho-K Kontaktlinsen etwa zwei Drittel der Kurzsichtigkeit kompensiert werden. Sollte sich allerdings kein Effekt einstellen, so empfahl der Referent einen Herstellerwechsel für diesen Fall, da die Industrie unterschiedliche Herstellungsphilosophien verfolgt. Für den langfristigen Erfolg einer Ortho-K Anpassung ist eine ausgezeichnete Compliance der Kunden Voraussetzung.

Makulopathien: Einteilung, Diagnostik und Therapie
Prof. Dr. Heinrich Gerding


Erkrankungen der Makula sind in entwickelten Ländern die häufigste Ursache für gravierende Einschränkungen des Sehens oder einer Erblindung. Prof. Dr. Heinrich Gerding ist ärztlicher Direktor der Schweizer Pallas Kliniken. Er gab dem Auditorium einen ausgezeichneten Überblick über verschiedene angeborene und erworbene Makulopathien. Gerding berichtete von Studien, die aufzeigten, dass die Ethnie der Kaukasier etwa 9-10fach häufiger eine AMD entwickeln als die farbige Ethnie. In der Europäischen Union ist der Anstieg der Prävalenz zur AMD seit dem Jahr 2000 deutlich im steigen.

Im Weiteren referierte Gerding zu den einzelnen Stadien und Risikogruppen einer AMD. Der Vortrag wurde durch ausgesprochen anschauliches Bildmaterial komplettiert, welches das Verständnis zur AMD im Auditorium steigerte.

Das kann ins Auge gehen! Wie verschiedene Erkrankungen die Optik des Auges verändern können
Dipl.Ing. Nina Müller, MSc


Der Vortrag von Nina Müller nahm auf häufig auftretende Refraktionsänderungen bei unterschiedlichen Systemerkrankungen bedacht. Müller zeigte typische Auslöser bedingt durch Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie und Schilddrüsenerkrankungen. So erklärte die Referentin zwei Hypothesen zu den bekannten Refraktionsschwankungen bei Diabetes mellitus. Die erste Hypothese geht von einer osmotischen Druckänderung in der Augenlinse, einer dadurch ausgelösten Schwellung und in Folge einer Zunahme des Brechwerts aus. Eine alternative Hypothese geht von der Einlagerung höherbrechenden Substanzen in der Augenlinse aus.

„Personen mit hohem Blutdruck können unter Sehstörungen leiden – eher seltener an Refraktionsschwankungen“, so die Referentin. Bei Erkrankungen der Schilddrüse können Veränderungen des Tränenfilms ebenfalls zu teilweisen Verschlechterung des Sehens beitragen.

Speziallinsen auf Zuruf – interaktive Fallbeschreibungen als Quiz
Ing. Gustav Pöltner


Kontaktlinsenoptiker können sich mit Spezialkontaktlinsen ausgezeichnet profilieren. Pöltner zeigte in seinem Workshop äußerst interessante Fälle, wie zum Beispiel sinnvolle Strategien zum Verhindern von Luftblasen hinter formstabilen Kontaktlinsen unter Zuhilfenahme von selbst hergestellten Ventilationsbohrungen. Weiters zeigte das Auditorium großes Interesse an einem Fall eines presbyopen, staubexponierten, schwach Hyperopen. Pöltner versorgte den Kunden – auf seinen ausdrücklichen Wunsch – mit multifokalen Ortho-K Kontaktlinsen. Und dies überraschend erfolgreich.

Das Fallbeispiel einer unten extrem abstehenden, formstabilen Kontaktlinse bei 14 Dioptrien Hornhautverkrümmung und trotzdem geglückter Versorgung mittels einer Skleralkontaktlinse, zeigte mögliche Lösungen mit Kontaktlinsen selbst bei außergewöhnlichen Bedingungen. Bei der Anpassung von Minisklerallinsen wies Pöltner auf wesentliche Anpassregeln hin. So sollte eine zentrale Überbrückung von 150 Mikrometern, der Sitz mit dem ersten Auflagering knapp vor dem Limbus, einem Landungswinkel von 5° und eine Gewährleistung, dass die Sklera nicht ausgebleicht wird berücksichtigt werden. Typische Versorgungsmöglichkeiten mit Miniskleralkontaktlinsen stellen Personen mit Hornhautnarben, bei Keratokonus und Keratoplastik, bei häufiger Konfrontation mit Staub und als Farbkontaktlinse dar.

Der Fall einer Koudadoustlinie im Zuge einer Keratoplastik-Abstoßreaktion war herausfordernd im vom Referenten abschliessend veranstalteten Quiz.

Myopie: Prävalenz, Ätiologie, Klinik und Therapie
Prof. Dr. med. Jost Jonas


Augenarzt Prof. Dr. med. Jost Jonas berichtete in seinem Workshop über Erkenntnisse zur Myopie, wie zum Beispiel die groß angelegte Beijing Children Eye Study. Diese Studie zeigte unter anderem ein erhöhtes Risiko für eine fortschreitende Myopie bei Kindern mit myopen Eltern, höherem Kindsalter, höherer Körpergröße, urbanem Wohnort und einem hohen Anteil an Indoorzeit gegenüber der Outdoorzeit.

Jonas referierte im Weiteren über die genetischen Aspekte einer Myopie. Eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS) mit 37.382 kaukasischen und 8.376 asiatischen Studienteilnehmern brachte mehrere für die Myopie verantwortliche Gene zum Vorschein. Die dabei teilnehmenden Forscher vermuten, dass eine Signalkette von den Rezeptoren der Retina bis zur Sklera führt und dort einen myopen Wachstumsimpuls auslöst. Im Bereich zwischen Netzhaut und Lederhaut befinden sich ebenfalls einige „Myopie-Gene“. Zu diesen gehört GRIA4, welches einen Rezeptor auf den retinalen Zellen kodiert. Das Gen KCNQ5 enthält wiederum Informationen für einen Ionenkanal, welcher Kalium in Richtung Sklera transportiert. Das Gen RDH5 ist für den retinalen Metabolismus verantwortlich. Die Gene LAMA2 und BMP2 modellieren die extrazelluläre Matrix. Die Gene SIX6 und PRSS56 sind für die Entwicklung und auch Größenentwicklung des Auges zuständig.

„Fortschreitende Myopie führt zu einem höheren Risiko Augenerkrankungen zu entwickeln“, so Jonas. Der Referent zeigte unter anderem Stadien myopischer Retinopathien und einem erhöhten Risiko bei Myopien über -6,00 Dioptrien an einem Glaukom zu erkranken.

Babies erblicken das Licht der Welt stark hyperop mit einem etwa 16,5mm großem Auge. In den ersten Lebensjahren erhält der Bulbus seine endgültige Größe von 24mm. Dieser Prozess der Emmetropisierung kann jedoch gestört sein. Jonas berichtete von Forschungsergebnissen hinsichtlich der Rolle des äquatorialen Pigmentepithels als efferenter, intraokularer Feedbackmechanismus. Das Pigmentepithel enthält Amphiregukin – ein epithelialer Wachstumsfaktor. Die Gabe von einem Antikörper von Amphiregukin steht neuesten Forschungen zur Folge in einem Zusammenhang mit einem reduzierten Längenwachstum des Auges.

Spaltlampentechnik
Judith Behm


Die Dokumentation von Spaltlampenbefunden in Fotos und Videos ist nicht nur als Gedankenstütze und Kommunikationshilfe zwischen Kollegen ein wichtiges Instrument. Die Veranschaulichung und Erlebbarkeit der Kontaktlinsenanpassung ist gerade für den Kunden eine wertvolle Erfahrung. Judith Behm und Stephan Hirschfeld zeigten in ihrem Workshop die praktische Anwendung der Spaltlampe mit Hilfe von Praxistipps. In diesem Workshop stand die praktische Anwendung der Teilnehmer mit „hands on“ im Vordergrund.

Rahmenprogramm


Die VDCO ’16 wurde durch die Präsenz der augenoptischen Industrie und durch ein wohlschmeckendes Catering bereichert. Freitag Abend konnte man die Mainzer Unterwelt besichtigen und sich anschliessend in einem typischen Bierkeller bei Speis und Trank laben.

VDCO 2017

Die empfehlenswerte, deutsche Fortbildungsveranstaltung VDCO findet kommendes Jahr vom 6. bis 8. Oktober 2017 statt. Das optikum Team kommt gerne wieder! 

Dieser Artikel wurde von den Redakteuren Susanne Nemetz und Harald Belyus verfasst.