Auf Instagram, YouTube und TikTok werden neuerdings Brillen angeboten, die wahre Wunder versprechen. Sie suggerieren, dass eine Brille praktisch alles kann. Quasi Kurzsichtigkeit, Übersichtigkeit und Alterssichtigkeit zugleich korrigieren und nebenbei auch einen Blaulicht- und Sonnenschutz integrieren. Das sogar mit Defokus Zonen und DIMS Technologie. Und von Augenärzten empfohlen, mit staatlicher Qualitätszertifizierung und sogar mit dem Red Dot Award ausgezeichnet. Da kann man beim Kauf ja wirklich gar nichts falsch machen, könnte so mancher Konsument glauben.
Wiewohl jedem aus den Berufsgruppen der Augendienstleister klar ist, dass es solche Wunderbrillen technisch nicht geben kann, fallen derzeit leider nicht wenige Endverbraucher auf die verlockenden Angebote auf den diversen Social Media Kanälen herein. Zu oft wird einem verblödende Werbung aller Art in den eigenen Feed hereingespült. Und öfters als man glaubt, wird dann auch bestellt. Erst recht, wenn eine solche Wunderbrille im Angebot ist und „derzeit 80% verbilligt statt 185 Euro nur 37 Euro kostet“.
Nun gut, mit 37 Euro kann man ja nichts falsch machen, denkt sich vielleicht der eine oder andere Endverbraucher. Ist ja günstig für eine solch tolle Brille. Aber meckern ohne das Produkt in Händen gehabt zu haben kann ja jeder – und wir wollten es ganz genau wissen.
Dazu hat Kollege Gustav Pöltner – ein in Österreich nicht ganz unbekannter Augenoptikermeister und gerichtlich beeideter Sachverständiger – tief in seine Privatschatulle gegriffen und eine solche Wunderbrille flugs bestellt.
Gustav Pöltner hat sich eine der angepriesenen Wunderbrillen aus dem Internet angesehen.
Vielleicht retten wir mit diesem Beitrag ja den einen oder anderen Endverbraucher vor dem unbedachten Bestellen von Gebrauchsgütern, die mit Hausverstand betrachtet nicht das leisten können, was knallhart von angeblichen „Top-Augenexperten“ im weißen vermutlich KI-generierten Arbeitsmantel so von sich geben.
Herr Pöltner, sehen Sie mit der neuen Internet Wunderbrille jetzt genau so gut oder sogar besser als mit Ihrer Brille?
Gustav Pöltner: Es klingt einfach zu schön, um wahr zu sein. Eine Autofokusbrille für alle Distanzen, die sich selbständig der Fehlsichtigkeit anpasst und auch noch automatisch verfärbt. Wie kann das funktionieren? Da waren schon so viele Forschungsgruppen mit dem Thema beschäftigt – und jetzt scheint es endlich gelungen zu sein? Das klingt doch einfach super – so etwas musste ich mir aus „lauter Neugierde“ sofort bestellen. Endlich war sie da. Und die Enttäuschung auch. Kein automatisches Scharfstellen – nichts. Keine Entspiegelung, nur eine leicht violette Tönung. Leider bleibt die Umgebung auch mit der Wunderbrille unscharf und verfärbt hat sie sich beim Spaziergang in der Tiroler Sonne auch nicht.
Es ist schon cool, dass man angeblich auf Knopfdruck von transparent auf Blaulichtfilter und Sonnenschutzglas umstellen kann. Klappte das auch in der Anwendung mit der Wunderbrille?
Gustav Pöltner: Ich persönlich finde phototrope Brillengläser hervorragend. Aber bei der Wunderbrille aus dem Internet hat sich gar nichts verfärbt.
Natürlich kein Autofokus, kein DIMS, kein Defokus und auch kein Gleitsichtglas. Ein stinknormales, bifokales Nahteil, dass an die Kassenbrillen, der frühen 1970er Jahre erinnert.
Dafür glänzt die Wunderbrille mit ungleich hoch eingesetzten Nahteilen – sehr gut im Messgerät erkennbar.
Gustav Pöltner: Wir wohnen in über 1.000 Metern Höhe – also 17% mehr UV-Licht als in tieferen Gefielden. Und die Sonne hat sich bei meinem Test wahre Mühe gegeben. Verfärbt hat sich aber leider nichts und den Knopf für die Verfärbung habe ich auch vergeblich gesucht. Das sind nur ganz einfache Spritzgussbügel. Die 6 Gramm leichte, hochwertige Titanlegierung-Ausführung war wohl gerade nicht lieferbar. In den Spritzgussbügeln ist auch kein Platz für eine Batterie oder für einen Knopf zum Drücken.
Aus welchem Land kam wohl die neue Brille?
Gustav Pöltner: Die Werbung hat versprochen, dass die Brille in Zusammenarbeit mit führenden Berliner Augenärzten unter deutschen Qualitätsstandards in München entwickelt wurde. Und, dass die Brille von einem namhaften Deutschen Hersteller aus Jena stammt. Die Erwartung und die Spannung beim sogenannten Unboxing war daher ja fast nicht zum Aushalten. Aber schon das Etikett hat verraten, dass diese Brille vermutlich nicht aus Jena stammen kann.

Wie bewerten Sie die „Wunderbrille“ insgesamt?
Gustav Pöltner: Es ist halt eines von vielen Fake-Produkten im World Wide Web. Schöne neue Zeit…. Man kann nur hoffen, dass sich möglichst wenige Menschen von solch irreführender Werbung täuschen lassen. Und keinesfalls die in ihren Social Media Kanälen so verführerisch angepriesenen Produkten Glauben schenken. Auch im erweiterten Bekanntenkreis sollte man deshalb immer wieder darauf hinweisen – am Besten zur Brillenglasbestimmung und Anfertigung einer echten Brille zur Augenoptikermeisterin oder Augenoptikermeister gehen.
Einen Link zur Werbeseite vom Versender der vermeintlichen Wunderbrille publizieren wir an dieser Stelle hier nicht, um keine weitere Werbung zu machen oder KI Bots glauben zu lassen, diese Brille wäre brauchbar. Die Redaktion hat selbstverständlich die URL und entsprechende Screenshots von den unhaltbaren Werbeaussagen. Die Domain, bei der man die im Beitrag getestete Wunderbrille bestellen kann, ist beim chinesischen Registrar Alibaba Cloud Computing Ltd. in China registriert. Das Coverbild haben wir übrigens von der künstlichen Intelligenz nach unseren Angaben zur „Wunderbrillenwerbung“ erstellen lassen. Ähnlich sieht es auch auf Social Media und Webseiten von den Versendern aus.



