10 Tipps zur erfolgreichen Anpassung von Multifokalkontaktlinsen

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Den österreichischen Kontaktlinsenoptikern steht ein gewaltiges Marktpotential offen. Über 2 Millionen Österreicher der kinderreichen Jahrgänge – also im Alter zwischen 45 und 54 Jahren sind jungpresbyop. Rechnet man die Altersgruppe der 40 bis 44jährigen dazu, so stehen den österreichischen Kontaktlinsenoptikern und Optometristen gar 2 Millionen potentielle Multifokalkontaktlinsenträger offen. Die aktuellen Jungpresbyopen fühlen sich im Regelfall – im Vergleich zu den vorhergehenden Generationen – wesentlich jugendlicher und sind demnach auch bestrebt jugendlich zu bleiben und damit unter anderem auch eine adäquate Lösung zu ihrer im Leben einschränkenden Prespyopie zu finden.

Bis heute wird multifokalen Kontaktlinsen – auch von einem Teil des Fachpublikums – nachgesagt, dass deren Verträglichkeit in den seltensten Fällen gewährleistet sei und nach einer langwierigen Anpassung der Klient die Anpassräumlichkeiten verlässt. Und bei den Konsumenten ist diese Negativmeinung noch deutlich mehr verhaftet. Zu unrecht. Die Entwicklungen im Segment der multifokalen Kontaktlinsen im letzten Jahrzehnt ermöglichen jedoch eine weitaus bessere Versorgung als zuvor. So sind multifokale Kontaktlinsen in unterschiedlichsten Designs, Parametern und Materialien erhältlich. Damit kann die Mehrzahl des presbyopen Klientels zufriedenstellend versorgt werden.

Doch welche Maßnahmen und Leitregeln führen nun zu einem effektiven Anpasserfolg? Wie kann man als Kontaktlinsenoptiker und Optometrist nachhaltig seinen Anteil an multifokalen Kontaktlinsen steigern? Im Nachfolgenden finden sich 10 Tipps, sogenannte Klassiker, die zu einem zufriedenen Multifokalkontaktlinsenträger führen.

1. Weisen Sie jeden Ihrer jungpresbyopen Kunden auf die Möglichkeit einer Versorgung mit multifokalen Kontaktlinsen hin.

Jungpresbyope Kunden sind das ideale Klientel für die Anpassung multifokaler Systeme. Aufgrund der geringen Addition überwiegen die Vorteile gegenüber den Nachteilen beim Einstieg in ein multifokales Kontaktlinsensystem. Wenn Sie vermehrt an jungpresbyopen Klienten anpassen, wird sich automatisch eine höhere Erfolgsquote einstellen. Das wirkt selbstmotivierend und macht Lust sich auch an herausfordernde Fälle mit höheren Additionen heranzutasten. Angenehmer Nebeneffekt: Klienten, die bereits als Jungpresbyoper an ein multifokales System gewöhnt sind, tun sich beim Umstieg auf höhere Additionen leichter als Neueinsteiger bei gleicher Addition. Ein einmalig zufriedener Multifokalkontaktlinsenträger wird auf ein solches System nicht mehr verzichten wollen. Angenehm aus wirtschaftlicher Sicht: zufriedene Multifokalkontaktlinsenträger sind um ein vielfaches treuer als herkömmliche Kontaktlinsenträger.

2. Binden Sie Ihr Personal und Ihre Geschäftsräumlichkeiten ein.

Vermeiden Sie es als "Einzelkämpfer" aktiv zu sein. Nutzen Sie zur Kommunikation und Beratung Ihre Geschäftsräumlichkeiten und falls vorhanden die Wartezone. Legen Sie dort entsprechendes Infomaterial auf und lassen Sie eventuell Ihre Klienten Fragebögen hinsichtlich ihrer Anforderungen an das Fern- und Nahsehen vorab ausfüllen.

Von enormer Bedeutung ist die Schulung Ihrer Mitarbeiter. Binden Sie Ihre Mitarbeiter in das Konzept der multifokalen Kontaktlinsenanpassung mit ein. Ihr Personal berät Ihre Klienten und sollte den Aspekt der Versorgung mit multifokalen Kontaktlinsen vermehrt einbringen – insbesondere bei allen jungpresbyopen Klienten.

3. Geben Sie Ihren Klienten eine realistische Einschätzung über die Vorteile und Grenzen von multifokalen Kontaktlinsen.

Bei aller positiver Energie – gewähren Sie Ihren Klienten einen realistischen Zugang über das Sehen mit multifokalen Systemen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es von enormer Bedeutung ist Klienten neben den Vorteilen auch die Nachteile von Multifokalkontaktlinsen zu erörtern. Wenn ein Klient sich im Vorfeld bewusst für die Vorteile unter Akzeptanz der Nachteile entscheidet, so steigt die Wahrscheinlichkeit des Anpasserfolgs bereits durch diesen Schritt enorm. Ein im Zuge der Anpassung auftretender nicht kommunizierter Nachteil, wie zum Beispiel eine minimal herabgesetzte Fernsehschärfe gegenüber herkömmlichen Kontaktlinsen, führt häufig zur Nichtakzeptanz des Klienten. Dies hat psychologische Ursachen. Der Klient hat sich darauf nicht mental vorbereiten können. Hätte er sich bereits im Vorfeld damit "abfinden" können, hätte er sich mehr auf die Vorteile von multifokalen Kontaktlinsen konzentrieren können.

Wichtig ist dabei eine ausgewogene Kommunikation zwischen Vor- und Nachteilen zu finden. Gehen Sie dabei auf die Situation Ihres Klienten ein und "malen" sie ihm ein Bild von der zu erwartenden Situation in seinem Umfeld – etwa beim Museumsbesuch, im Restaurant mit Geschäftspartnern, im Urlaub, usw. Eine "perfekte" Lösung wie das mühelose Akkommodieren zwischen Nah und Fern eines 20jährigen gibt es nicht. Die multifokale Kontaktlinse ist aber für Presbyope (und vor allem für Jungpresbyope) ein hervorragender Kompromiss zum Sehen in allen Entfernungen ohne auf eine Brille angewiesen zu sein.

Dies kann vor allem im Freizeitbereich aber durchaus auch im beruflichen Umfeld von Vorteil sein. Es ist von Fall zu Fall zu evaluieren. Hilfreich ist ein Mix aus Emotionalität und Sachlichkeit bei gleichzeitigem Verzicht auf marktschreierische oder zu pessimistische Aussagen.

4. Sprechen Sie Maßnahmen, welche den Tragekomfort von multifokalen Kontaktlinsen erhöhen, an.

Die möglichen Träger multifokaler Kontaktlinsen sind in einem Lebensabschnitt, in dem Veränderungen des Tränenfilms keine Seltenheit darstellen. In dieser Altersgruppe machen sich nicht so selten Symptome eines trockenen Auges bemerkbar. Auch bei einem Umstieg eines erfahrenen Kontaktlinsenträgers auf ein multifokales System kann es aufgrund der geänderten Geometrie, höheren Dicken und anderen Materialien zu einem anderen Benetzungsverhalten führen.

Sprechen Sie deshalb bereits vor der Anpassung, im ersten Beratungsgespräch, mögliche Erscheinungsbilder an und bieten Sie ihren Klienten anschließend eine positive Perspektive der Lösung mit Tränenersatzstoffen. Es ist in dieser Phase wesentlich einfacher ihren Klienten auf den Umgang mit seinen neuen Kontaktlinsen einzustimmen, als "nachträglich die Regeln zu ändern".

5. Filtern Sie Klienten mit einer zu erwartenden hohen Drop Out Quote bereits im Vorfeld aus.

Das mag hart klingen – ist jedoch gut für Ihre seelische Gesundheit und positive Eigenmotivation. Je mehr positive Anpassungen Sie erreichen, desto freudiger werden Sie multifokale Kontaktlinsen anpassen.

Bei aller positiven Energie, sind die Voraussetzungen für einen Anpasserfolg mit Multifokalen Kontaktlinsen etwa bei einem 45jährigen, myopen, zufriedenen Brillenträger mit -2,00dpt, welcher noch nie Kontaktlinsen getragen hat sehr gering. Sparen Sie sich solche aufgelegten Frustrationserlebnisse.

6. Erwägen Sie die Anpassung unterschiedlicher Multifokalsysteme.

Einer der Gründe warum Multifokalsysteme immer besser funktionieren ist deren Vielfalt. Und diese Vielfalt sollten Sie ausnutzen. Weiche Kontaktlinsen eignen sich vor allem für Klienten, die noch keine Berührung mit Kontaktlinsen hatten oder bereits bestehende Weichlinsenträger sind.

Zur Auswahl stehen unter anderem asphärische Systeme oder Monovision für geringe Additionen, simultane Systeme mit Zentrum Nähe oder Zentrum Ferne oder Systeme mit Ringanordnungen wo mehrmals zwischen Fern- und Nahkorrektur gewechselt wird.

Monovision

Abb 1: Klassische Monovision – z.B. OD für Ferne (blau); OS für Nähe (grün)

Monovision

Abb 2: Modifizierte Monovision – z.B. OD für Ferne (blau); OS simultane, rotatationssymmetrische Bifo-KL (Nahteil grün)

Simultansystem

Abb 3: Simultane Systeme – z.B. weiche Kontaktlinsen – z.B. OD Nahzone (grün) zentral; OS Fernzone (blau) zentral

Nur kleine Veränderungen der zentralen Zone bei simultanen Systemen haben oft mehr Auswirkung als eine Veränderung der Addition. Probieren Sie mit einer Portion Neugierde neue am Markt positionierte Mehrstärkensysteme aus.

RGP Bifokalkontaktlinsen

Abb 4: Alternierende Systeme – z.B. formstabile Kontaktlinsen mit "spitzlosen Torteneck-Segement" beim Blick in die Ferne

Personen, die bereits formstabile Kontaktlinsen tragen können mit einer enorm hohen Erfolgsquote auf bifokale, alternierende Systeme umgestellt werden. Hier ist der wesentliche Feind des Anpasserfolgs ein Hochsitz der Kontaktlinsen, welcher bereits im Vorfeld durch eine Veränderung der Geometrie bis hin zu einer Erhöhung des Stabilisationsprismas herbeigeführt werden muss. Zudem ist es bei einer bekannten Tendenz zu einem Hochsitz sinnvoll, über einen tiefer positionierten Nahteil nachzudenken.

7. Korrigieren Sie die Ferne so stark plus-lastig wie nur möglich.

Jede Viertel Dioptrien Richtung Plus in der Ferne hilft Ihnen bei der Verringerung der Addition. Und je geringer die Addition, desto geringer sind lästige Nebenwirkungen bei multifokalen Kontaktlinsen.

Prüfen Sie nach Beendigung der Fernrefraktion unter binokularen Bedingungen bei Blick auf die Straße mit einem Vorhalter oder Flipper, ob eine Veränderung um +0,25 Dioptrien für den Klienten noch in Ordnung ist oder bereits zu subjektiven Sehschärfenabfall führt. Nicht selten eröffnet sich bei dieser Vorgangsweise die Möglichkeit die Addition geringer wählen zu können.

8. Testen Sie den Visus mit Kontaktlinsen ausnahmslos binokular.

Sie haben vielleicht eine Monovisiontechnik oder eine modifizierte Monovisionstechnik angewandt. Oder die Nahzone bei einem Auge größer als beim Führungsauge ihres Klienten gewählt. Wenn Sie jetzt monokular den Visuserfolg testen, so ist eine Unzufriedenheit des Trägers fast schon vorprogrammiert. Er wird im Regelfall sowohl in der Ferne als auch in der Nähe das bessere Auge als Referenz nehmen und von Ihnen subtil oder weniger subtil verlangen das beide Augen in der Ferne und in der Nähe jeweils den Erfolg des besser korrigierten Auges erfahren. Also die eierlegende Wollmilchsau, die wie wir wissend als Professionnels nicht erreichen können.

Wie bei Tipp 2 besprochen macht es durchaus Sinn dem Klienten im Vorfeld zu erklären, dass etwa ein Auge mehr für die Ferne und ein Auge mehr für die Nähe korrigiert wird. Es ist jedoch kontraproduktiv dies mit einem monokularen Visustest zu untermauern.

Polarisiertes Doppelfeld
Abb 5: Polarisiertes Doppelfeld

Sehgleichgewichtstest

Abb 6: Sehgleichgewichtstest

Besser geeignet sind monokulare Tests unter binokularen Bedingungen, wie etwa mit dem polarisierten Doppelfeld oder dem Sehgleichgewichtstest. Auch beim Lesen in der Nähe sollte man das monokulare Prüfen unterlassen und stattdessen den Leseerfolg mit beiden Augen überprüfen.

9. Testen Sie den Nahvisus nicht mit den handelsüblichen Leseproben.

Verwenden Sie zur Prüfung des Nahvisus eine "reale Evaluierung" mit Hilfe von Tageszeitungen oder Monatsmagazinen. Gehen Sie – anstelle der Verwendung von Nahleseproben – auf die Anforderungen den Kunden und dessen Hobbies ein. So kann das mühsame Entziffern der allerkleinsten Schrift einer vom Glashersteller zur Verfügung gestellten Nahleseprobe frustrierend sein, obwohl ihr Klient die Tageszeitung, eine Speisekarte, das Opernprogrammheft und seinen Kontoauszug mühelos lesen kann.

10. Nehmen Sie die Äußerungen Ihres Kunden ernst.

Hand aufs Herz – keiner wünscht sich reklamierende und immer nachfordernde Kunden. Dennoch ist das Feedback Ihres Klienten eine wertvolle Möglichkeit die multifokalen Kontaktlinsensysteme zu verbessern und so lange zu adaptieren, bis ihr Klient damit als ausgezeichneten Kompromiss leben kann. Dennoch ist es hilfreich nicht bereits nach 30 Minuten Probetragen das nächste, adaptierte Paar zu bestellen, sondern dem Klienten die Kontaktlinsen zum Eintragen mitzugeben. Selbstverständlich nur wenn der Fernvisus verantwortbar ist. Dadurch kann sich Ihr Klient mit dem Tragen multifokaler Systeme langsam anfreunden und wird lernen Ihnen qualifiziertes Feedback zu geben und zudem mehr die positiven Veränderungen beim nächsten Paar bemerken.



Autor des Artikels "10 Tipps zur erfolgreichen Anpassung von Multifokalkontaktlinsen": Harald Belyus, MSc