Aus meiner Sicht – Augenoptik in Deutschland von 1977 bis 2003

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Seit 1977 kommentiert Jörg Spangemacher Monat für Monat in seinem Editorial die Augenoptik-Branche. Bis 1981 im „Der Augenoptiker“, danach im „Focus“. In seinem neuen Buch „Aus meiner Sicht“ sind alle Editorials zusammengefasst. 256 Kommentare zeichnen ein Bild der Augenoptik über immerhin 25 Jahre. Spangemacher ist, nach Abschluss der Berliner Schule und einer dreijähriger Tätigkeit als Optometrist in Kuwait, als Journalist tätig.
Obwohl das vorliegende Buch selbstverständlich berufspolitisch über den deutschen Markt berichtet, zeichnen sich auch viele Parallelen mit österreichischen Entwicklungen ab. Einige Ereignisse verliefen in Österreich anders- oder gar nicht. In manchen Bereichen wiederum ident.

Für Branchenkenner oder solche , die es werden wollen bietet die Lektüre jedoch viele Hinweise. So versteht man Entwicklungen im deutschsprachigen Raum nach dem Lesen besser.

Bereits 1977 liest man betreffend einer Brillenbarriere der Optiker bei Kinderbrillen. Ein Jahr darauf wurden die grauen gegen weiße Arbeitsmäntel getauscht. Das Bewußtsein der Augenoptiker betreffend der Refraktion war jedoch noch nicht überall ausgeprägt. 1980 berichtet Spangemacher bereits – allerdings kritisch – von „on-line Bestellungen“ mit einem PC. Die Bestellung erfolgte allerdings per Fax. Interessant ist, dass das Wort online offensichtlich schon 15 Jahre vor dem Internetstart kursierte. Die Abhängigkeit vom Glaslieferanten wird in diesem Zusammenhang diskutiert. Damals stand in den meisten Betrieben gerade einmal ein Taschenrechner. Ab Jänner 1981 setzt sich das Kastenmaß-System durch. Produzenten aus Frankreich und Italien verwenden andere Maße. Außerdem verweisen die deutschen Kassen auf das „neue Kostendämpfungsgesetz“ und wollen bei den Tarifen einsparen. Kommt Ihnen das bekannt vor? 1982 halten Computer Einzug in der Augenoptik und der Rechtsanwalt der ZVA wechselt gemeinsam mit dem PR-Chef von der Innung direkt zu Fielmann. Man redet von einem PR-Schlag von Fielmann gegen den ZVA.

1983 dominiert eines der dümmsten Wörter unserer Brache das Geschehen in Deutschland: „Nulltarif“. Macht nix. 20 Jahre später ist „Geiz geil“. Dafür stellt die Kölner Messe „optica“ EDV-Dienstleistern noch keinen Ausstellungsplatz zur Verfügung. Tja, die Zeiten ändern sich. EDV-Dienstleister gibt es noch. 1985 zeigen Verbraucherbefragungen, dass Labels in der Augenoptik so gut wie unbekannt sind. Dafür steigen die Eigenimporte aus dem Ausland.

1987 verkündet Manfred Leo Müller vom ZVA stolz, dass die Brillenfassung wieder in den Leistungskatalog der Krankenkassen zurückgekämpft wurde. 16 Jahre später wird man von gleicher Seite über die Vorteile der kompletten Streichung der Kassenleistungen informieren. 1988 plädiert die deutsche FDP für eine Einschränkung der Kassenleistungen auf Personen über +/- 6 Dioptrien. Die CDU/CSU überlegt. 1990 taucht wieder ein neuer Terminus immer öfter in Branchendiskussionen auf: „Preissplitting“. 1992 dürfen EDV-Dienstleister erstmals auf der Kölner optica ausstellen. Dies wird die Messe wie wir mittlerweile wissen nicht mehr retten. Außerdem beginnt eine Diskussion über die Berufsbezeichnung: „Augenoptiker/Optometrist“ und die Farb- und Typ-Beratung erfährt Furore.

1995 beginnt das „Leben ohne Brille“. Spangemacher analysiert die Auswirkungen der photorefraktiven Chirurgie. Ein Jahr später läßt die deutsche Bundesinnung die Abgabe von Kontaktlinsen durch Augenärzte gerichtlich prüfen. 1998 denkt Spangemacher über die Auswirkungen der Euroeinführung für unsere Branche nach. Zwei Jahre später spricht der Autor von einem Aushebeln der dualen Ausbildung. Spätestens zu diesem Zeitpunkt habe der E-Commerce die Augenoptik erreicht. 2002 scheint es aus der Sicht des Autors ohne Markennamen in der Fassungsindustrie überhaupt nicht mehr laufen.

Jörg Spangemacher, Jahrgang 1945, betrachtet die deutsche Berufspolitik sehr kritisch. Wer sich u.a. für den deutschen Fertigbrillenprozess, Kontaktlinsen-Prozess und Filialisten interessiert, kann mit seinem Buch über die österreichische Grenze blicken.

Das Buch kostet zur Zeit 48,- Euro zuzüglich Ust. Und Porto und kann bei der Media Welt GmbH bestellt werden.