Beschleunigte Orthokeratologie mit Double-Reverse Geometrie

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Im Gegensatz zu den Versuchen in den letzten Jahrzehnten stellt die aktuelle Methodik der beschleunigten Orthokeratologie eine durchaus relevante Alternative zur Korrektur einer Myopie dar. Das Verfahren ist im Gegensatz zur refraktiven Chirurgie nicht invasiv und zudem reversibel. Die Durchführung solcher Anpassungen nach dieser Methodik ist jedoch nur nach eingehender Beschäftigung mit der Thematik zu empfehlen.

Die neuen Ortho-K-Kontaktlinsen bestehen in der Regel aus vier Zonen unterschiedlicher Kurven. Der zentrale Rückflächenradius ist flacher als der zentrale Cornea-Radius. Die unmittelbar anschließende zweite Zone ist signifikant steiler – reverse – als der zentrale Rückflächenradius. Danach folgt eine zweite reverse Zone, die flacher als die erste reverse Zone aber steiler als die zentrale Rückflächenzone ist. Nach der Auflagenfläche folgt der Bevel bei einem Gesamtdurchmesser von 10,40-11,00mm.

1. Zone zentrale Rückflächenradius, z.B. 6,00mm
2. Zone Reverse-Zone z.B. 0,60-1,00mm
3. Zone Auflagezone z.B. 2,50-3,00mm
4. Zone leicht abstehender Rand mit Bevel z.B. 0,50-1,00mm

Double Reverse Geometrie, Ortho K
Die zweite Kurve verbessert die Zentrierung der Kontaktlinse und bildet ein Tränenreservoir. Letzteres beschleunigt die Effizienz der Methode [1].

Die Ortho-K-Kontaktlinse verändert keineswegs die gesamte Vorderflächen-Wölbung der Cornea. Vielmehr dürfte es zu einer Verschiebung der Epithelzellen vom Corneazentrum hin zur Peripherie erfolgen. Die erste Zone übt einen positiven Druck auf die zentrale Cornea aus. Das Tränenreservoir der zweiten Zone führt zu einem Negativ-Druck, der den Abflachungseffekt der ersten Zone verstärkt. Dies bestätigt auch eine Arbeit von Helen Swarbrick. In der Corneamitte kommt es aufgrund der Verschiebungen zu einer geringfügigen Epithelverdünnung [2]. Dies führt in Folge auch zu einer Verkleinerung der Scheiteltiefe und damit zu einer Verkürzung der Baulänge des Auges. Beide Faktoren verringern die Myopie.

Betreffend der Indikation für den Einsatz von Ortho-K Kontaktlinsen differieren die Angaben zum Teil außerordentlich. Realistisch dürften Myopien bis 4dpt durch Ortho-K Kontaktlinsen korrigierbar sein. Dazu muss aber erwähnt werden, dass sich mit Zunahme der Myopie die Erfolgsaussichten verringern. Etwaige übertrieben optimistische Wortmeldungen müssen in diesem Zusammenhang äußerst kritisch betrachtet werden. Die Exzentrizität der Hornhaut sollte zwischen 0,4 und 0,6 betragen. Die Cornealradien sollten zwischen 7,40mm und 8,20mm angesiedelt sein. Interessant sind Überlegungen zum trockenen Auge infolge von Bildschirmarbeit. Gerade in diesem Fall kann eine Ortho-K Anpassung hilfreich erscheinen [3].

Gegenanzeigen [4] zur Anpassung von Ortho-K Linsen bestehen bei

  • Hyperopie
  • hochgradiger Myopie
  • Astigmatismus rectus über 1,50dpt
  • Astigmatismus inversus über 0,75dpt
  • Erkrankungen des vorderen Augenabschnittes wie bei jeder anderen Kontaktlinsenanpassung
  • Keratokonus, Keratoglobus
  • nach erfolgter refraktiver Chirurgie
  • Hornhautverletzungen
  • Entzündungen
  • fehlende Compliance

Eine Studie von Dr. Andreas Berke fand keine Beeinflussung des intraokularen Drucks beim Tragen von Ortho-K Kontaktlinsen. Getestet wurden 44 Personen über einen Zeitraum von acht Wochen [5].

Zur Anwendung gelangen moderne Materialien mit hohen Dk-Werten über 100 (PTC gas-to-gas). Neben dem Dk-Wert sind jedoch auch andere Eigenschaften maßgeblich zur Verträglichkeit. So wurden bei einer Studie von Wai-On Lui und M.H. Edwards Ortho-K Kontaktlinsen vom Typ OK-74 weniger gut angenommen als jene aus Boston RXD obwohl letztere einen wesentlich geringeren Dk-Wert aufweisen [6].

Die Vorbereitung beinhaltet im Wesentlichen: Anamnese, freier Visus, Brillenglasbestimmung, Inspektion des vorderen Augenabschnittes, Analyse des Tränenfilms, Topographie der Hornhaut, Kontrolle der Lidspannung, Messung des Hornhautdurchmessers.

Im Zuge der Anpassung werden je nach Hersteller-Konzept Messlinsen benötigt oder individuell angefertigt. Eine individuelle Anfertigung scheint jedoch aufgrund der Parametervielfalt angeraten. So kann die berechnete Kontaktlinse unter Umständen gleich passen – der Träger erfährt innerhalb kürzester Zeit ein Erfolgserlebnis. Wenn dem Klienten die Methodik und die Erfolgsaussichten seriös plausibel gemacht werden, sollten eine Woche Wartezeit für seine Kontaktlinsen kein Problem darstellen.

Wiewohl in den meisten Fällen die Kontaktlinsen vom Hersteller aufgrund der gelieferten Daten berechnet werden, muss man sich im klaren sein, dass die letztendliche Verantwortung wie bei allen anderen Kontaktlinsen beim Kontaktlinsenoptiker bleibt! Gerade deshalb müssen alle Prüf- und Messverfahren besonders sorgfältig durchgeführt werden. Kontrollen werden im Regelfall bei der Abgabe, am Morgen der ersten Nacht, am Morgen nach drei Tagen, abendliche Kontrolle in der ersten Woche zur Messung der Rückentwicklung innerhalb eines Tages, je 2 weitere Kontrollen morgens und abends nach 2-4 Wochen und in Folge mindestens eine Kontrolle alle drei Monate.

Die Anpassung von Ortho-K Kontaktlinsen stellt eine neue Herausforderung zur optimalen Korrektion des Klientels der Kontaktlinsenoptiker dar. Eine umfassende Befassung mit der Materie ist neben einem geeigneten Gerätefuhrpark jedoch unumgänglich. Dieser Artikel kann nur einen ersten Überblick über Orthokeratologie vermitteln. Trotz neuer Geometrien und hochgasdurchlässiger Materialien sollten Ortho-K Anpassungen nur nach eingehendem Studium der Thematik von erfahrenen RGP-Anpassern angewendet werden.

Quellen:
[1] Beschleunigte Orthokeratologie, David Ruston, NOJ 6/2002
[2] Optometry and Vision Science, 1998, "Corneal Response to Orthokeratology", Swarbrick
[3] Orthokeratologie – eine Behandlungsalternative für Weichlinsenträger mit Symptomen des trockenen Auges infolge von Bildschirmarbeit, Michael Wyss, Kontaktlinse 9/2003
[4] Arbeitsrichtlinien Orthokeratologie, VDC 2003
[5] Orthokeratologie und Intraokulardruck, Dr. Andreas Berke, Kontaktlinse 11/2003
[6] Orthokeratology in low myopia, Contact lens and Anterior Eye, 23/2000