Dezentrierte Optiken bei der Anpassung von weichen simultan abbildenden Multifokalcontactlinsen

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Dezentrierte Optiken bei der Anpassung von weichen simultan abbildenden Multifokalcontactlinsen

Bei der Versorgung des presbyopen Kundensegments klafft häufig eine große Lücke zwischen Erwartungen der Kunden – im Übrigen auch der Anpasser – und dem letztendlich erzielten Erfolg. Das ist insofern ärgerlich, da das oftmals propagierte Marktpotenzial des Kundensegments nicht abgeschöpft wird.

Welcher Anpasser weicher multifokaler Contactlinsen kennt diese Situation nicht? Obwohl scheinbar die Voraussetzungen für eine multifokale Contactlinsenanpassung sprechen, klagt der Träger oder die Trägerin eben dieser Contactlinse über einen subjektiv unzureichenden Seheindruck. Das Resultat ist ein unzufriedener Kunde und ein gefrusteter Anpasser.

Die Erklärung dessen liegt in der fast ausschließlich simultan abbildenden Funktionsweise weicher multifokaler Contactlinsen. Das resultierende Ergebnis für den Träger ist von diversen Faktoren abhängig. Je individueller der Contactlinsentyp, desto mehr Möglichkeiten gibt es auf Faktoren einzugehen, die den Tragekomfort oder das Sehergebnis beeinflussen und verbessern können.

Hier liegt der Schlüssel zum Erfolg in einer „kompromisslosen“ Anpassung. Je spezieller die Sehanforderungen oder die Physiologie des Auges sind, desto eher ist eine vom „Standard abweichende Linsengeometrie“ induziert und eine kompromisslose Anpassung unabdingbar. Viele individuelle Contactlinsen bieten heute schon, neben einer „anpassbaren“ Rückflächenform der Contactlinse, eine auf die jeweiligen visuellen Bedürfnisse ausgerichtete Optik. Einige dieser beeinflussenden optischen Faktoren sind leicht zu erfassen und einzustellen, wie zum Beispiel die Addition. Andere sind wiederum schwieriger zu erfassen und bleiben deshalb häufig unberücksichtigt, obwohl sie einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Funktionsweise und damit auch auf den letztendlichen (Seh-)Erfolg aufweisen. Dazu zählen beispielsweise die Größe und die Zentrierung der zentralen optischen Zone.

Die zentrale Zone und was bedeutet überhaupt eine gute Zentrierung?

Die zentrale Zone beschreibt am Beispiel der CONTACT INDIVIDUAL. MULTI der Firma Wöhlk Contactlinsen GmbH den optischen Bereich auf der Vorderfläche der Contactlinse, die im Falle der nahzentrierten Variante die Nah- und die Zwischendistanzkorrektion, im Falle der fernzentrierten Variante die Fern- und Zwischendistanzkorrektion beinhaltet. Die Wahl der richtigen zentralen Zonengröße ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Dazu zählen die Vorderkammertiefe und die Pupillengröße. Die Pupillengröße wiederum ist ebenfalls von vielen Faktoren abhängig und unterliegt im Alltag starken Schwankungen. Deshalb weist die CONTACT INDIVIDUAL MULTI eine zunächst alltagstaugliche standardisierte zentrale Zonengröße auf.

Diese Zonengröße erweist sich in den meisten Fällen als passend, kann jedoch bei Optimierungsbedarf innerhalb der sinnvoll konfigurierten Bestellgrenzen (zwischen 2,0 und 3,0 mm bei der nahzentrierten Variante und zwischen 2,5 und 4,5 mm bei der fernzentrierten Variante) verändert werden. Das ermöglicht eine zielgerichtete und damit wirtschaftlich lukrative Anpassung bei gleichzeitig bestehenden Optimierungsmöglichkeiten.

Damit das Sehen mit dieser zentralen Zone aber wirklich so funktionieren kann, wie es das Funktionsprinzip der simultanen Abbildung vorsieht, sollte nach Caroline und André der Fixationspunkt als Referenz für die Ausrichtung der zentralen Zone verwendet werden. Der Fixationspunkt ist derjenige Punkt, in dem die Sehachse die Hornhaut trifft. Sie geben für den Versatz statt einer Dezentrationsstrecke den Winkel Lambda an, der zwischen Pupillenachse und Fixierlinie entsteht. Die nasale Abweichung der Fixierlinie von der Pupillenachse beträgt 3-11°. (Vgl. Caroline & André 2012)

Lage des Fixationspunktes im Verhältnis zur zentralen Zone bei einer leicht temporal dezentrierten ContactlinseAbbildung 1 verdeutlicht die Lage des Fixationspunktes im Verhältnis zur zentralen Zone bei einer leicht temporal dezentrierten Contactlinse.

Andere Veröffentlichungen geben eine Dezentrationsstrecke des Fixationspunktes zur geometrischen Pupillenmitte im Mittel von ca. 0,25 mm an, wobei teilweise auch Unterschiede zwischen dem rechten und dem linken Auge genannt werden (0,12 mm auf dem linken Auge). (Vgl. Schubert et al. 2014; Rehnert 2011)

Anhand der Streckenmessung moderner Placido-Topographiesysteme kann der Fixationspunkt relativ einfach bestimmt werden. Dabei wird der Mittelpunkt der mit einem Topographen auf der Hornhaut abgebildeten Placidoringe als Fixationspunkt angenommen. (Vgl. Brujic 2015)

Anhand des Messtools kann nun die Strecke zum ausgewiesenen Mittelpunkt der Pupille gemessen werden und so die Richtung und die Strecke des Fixationspunktes bestimmt werden.

Welche Einflussfaktoren auf die Zentrierung der zentralen Zone gibt es?

Der Fixationspunkt sollte also als Referenz für die Ausrichtung der zentralen Zone auf dem Auge dienen, wobei tendenziell ein zur Pupillenmitte nasaler Versatz um bis zu 0,25 mm vorliegt. Neben dem nasalen Versatz des Fixationspunktes gibt es weitere Einflussfaktoren, die die Ausrichtung der zentralen Zone zum Fixationspunkt beeinflussen. Beispielsweise zeigen Studien, dass die Pupillenmitte im Vergleich zur Cornea im Mittel um ca. 0,3 mm in nasaler Richtung versetzt ist. (Vgl. Brückner 2012; Schubert et al. 2014; Hardt 2015)

Zudem fällt das Corneo-Skleral-Profil temporal steiler aus als nasal, was zur Folge hat, dass sich weiche Contactlinsen tendenziell temporal und leicht inferior zur Hornhaut orientieren. (Vgl. Caroline & André 2012; Thiel et al. 2012) Jedoch scheint die Versteilung bei rechten Augen deutlich höher auszufallen als bei linken Augen. (Vgl. Walker & Caroline 2018) Strecken des nasal versetzten Fixationspunkts (im Vgl. zur Pupillenmitte), der nasal versetzten Pupillenmitte (im Vgl. zur Cornea) und einer sich temporal orientierenden Contactlinse können sich so aufsummieren und lassen Dezentrationen der zentralen Zone um die 1,0 mm notwendig werden.

Ist eine zum Fixationspunkt zentrierte zentrale Zone praxisrelevant?

Woods, Saunders und Port haben die relative Leuchtdichte durch eine bifokale konzentrische Contactlinse gemessen. Das verdeutlicht, wie sich die Zentrierung der zentralen Zone optisch auswirkt.

relative Leuchtdichteverteilung bei Blick auf ein Objekt in der Nähe und einer 1,5 mm zur Pupillenmitte dezentrierten nahzentrierten ZoneAbbildung 2 zeigt die relative Leuchtdichteverteilung bei Blick auf ein Objekt in der Nähe und einer 1,5 mm zur Pupillenmitte dezentrierten nahzentrierten Zone.

Objektiv sind eine Abnahme der maximalen Leuchtdichte und eine Verschiebung der Abbildung aus dem Zentrum der Fovea heraus zu beobachten. Das Resultat ist theoretisch eine Zunahme der Abbildungsfehler, die eine Verschlechterung des Seheindruckes bewirken, was mit Zunahme der Dezentration weiter forciert wird.

eometrisch-optische Simulation des subjektiven Seheindruckes durch eine nahzentrierte konzentrische bifokale ContactlinseAbbildung 3 zeigt eine geometrisch-optische Simulation des subjektiven Seheindruckes durch eine nahzentrierte konzentrische bifokale Contactlinse (zerebrale Vorgänge und optische Einflüsse, die den subjektiven Seheindruck beeinflussen, können nicht simuliert werden).

Die Zentrierung der zentralen Zone ist demnach durchaus relevant für den resultierenden Seheindruck, was ebenfalls durch praktische Beobachtungen gestützt wird. (Vgl. Hardt 2015; Brujic 2015)

Zu beachten ist, dass aufgrund der genannten Bedingungen auch eine scheinbar gut zentrierte Contactlinse einen unzureichenden Seheindruck erzeugen kann. Der Grund dafür kann eine dezentrierte zentrale Zone sein.

Wie wird das Problem gelöst?

Die CONTACT INDIVIDUAL. MULTI mit dezentrierter Optik bietet ein zusätzliches Feature für optimale Funktionalität bei gleichzeitig einfacher Anpassung. Das System der dezentrierten Optik baut auf dem bereits etablierten System der CONTACT INDIVIDUAL auf, d.h. sowohl alle drei Stabilisationsvarianten (TDS, TD, TP) und die fern- und nahzentrierte Variante können mit dem zusätzlichen Feature versehen werden. Grundsätzlich gilt die Anpassempfehlung der CONTACT INDIVIDUAL auch für die multifokale und die speziellere dezentrierte Variante.

Die Messung der Dezentration erfolgt dabei ohne zusätzliche Messlinse einfach anhand von 4 FunktionsgravurenDie Messung der Dezentration erfolgt dabei ohne zusätzliche Messlinse einfach anhand von 4 Funktionsgravuren, welche sich auf jeder CONTACT INDIVIDUAL. MULTI befinden. (Abbildung 4)

Im Vorfeld der Anpassung kann eine Abschätzung des Dezentrationswertes mithilfe einer speziellen Schablone vorgenommen werden.

Es empfiehlt sich die endgültige Dezentration anhand der Funktionsgravuren der Contactlinse auf dem Auge zu bestimmenDa der reale Linsensitz vorher aber nicht abgeschätzt werden kann, empfiehlt sich die endgültige Dezentration anhand der Funktionsgravuren der Contactlinse auf dem Auge zu bestimmen. (Abbildung 5)

Eine standardisierte Dezentration der zentralen Zone ist aufgrund des nicht bekannten Zentrierverhaltens der Contactlinse und der auf dem rechten und linken Auge unterschiedlichen physiologischen Bedingungen nicht zielführender. Als Referenz für die Verschiebung der zentralen Zone kann die Pupillenmitte angenommen werden. Die Pupillenmitte ist bei Blick durch die Spaltlampe am Einfachsten zu detektieren.

Tendenziell sollte der zusätzliche nasale Versatz des Fixationspunktes berücksichtigt werden, was eine weitere Verschiebung der zentralen Zone von ca. 0,1 bis 0,25 mm über die Pupillenmitte hinaus induziert. Es muss zusätzlich darauf hingewiesen werden, dass eine Contactlinse mit dezentrierter zentralen Zone zwangsweise ein Stabilisationssystem benötigt. Diese entsprechen in Auswahl und Anwendung den bereits bekannten Stabilisationsprinzipien der TDS, TD und TP. Besteht die Möglichkeit videogestützter Auswertung, kann die Dezentration präziser anhand von Messtools bestimmt werden.

Noch einfacher ist die Bestimmung der Dezentration und die Bestellung der Contactlinsen anhand der Simulation des Contactlinsensitzes im Wöhlk-AnpassprogrammNoch einfacher ist die Bestimmung der Dezentration und die Bestellung der Contactlinsen anhand der Simulation des Contactlinsensitzes im Wöhlk-Anpassprogramm. (Abbildung 6)

Das Anpassprogramm unterstützt fast alle gängigen Topographiesysteme und ist kostenfrei im Wöhlk-Onlineshop herunterzuladen.

Standardmäßig werden horizontale Verschiebungen der zentralen Zone in festgelegten Schritten von 0,3, 0,5 und 0,7 mm vorgenommen. Die Richtung der Dezentration, in horizontaler Richtung also 0° und 180°, orientiert sich an den Strichgravuren zur Inklinationsmessung. Auf Anfrage sind zudem schräge Achslagen und Dezentrationsstrecken der zentralen Zone von bis zu 1,0 mm möglich.

Die CONTACT INDIVIDUAL. MULTI mit dezentrierter zentraler Zone bietet aufbauend auf der CONTACT INDIVIDUAL alle Möglichkeiten einer kompromisslosen Anpassung. Eine optimal ausgerichtete zentrale Zone kann das subjektive Seherlebnis des Contactlinsenträgers entscheidend verbessern. Das Resultat ist ein zufriedener Kunde und ein Anpasser, der das Marktpotenzial besser abschöpfen kann.

Zum Autor dieses Artikels

Torven Ziehmer B.Sc. hat Augenoptik an der Hochschule Aalen studiert. Er entwickelte in seiner Bachelorarbeit ein formstabiles Multifokalcontactlinsendesign und ist seit 2011 bei der Firma Wöhlk Contactlinsen GmbH in Schönkirchen im Professional Service tätig.

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Literaturverzeichnis

  • Brückner, B., 2012. Praktische Evaluation des Zentrierverhaltens weicher,  konzentrischmultifokaler Kontaktlinsen zum Pupillenzentrum – Masterthesis.
  • Brujic, M., 2015. How important is optical placement in multifocal lenses?. Poster presented at the 2015 Global Specialty Lens Symposium
  • Caroline, P. & André , M., 2012. The Multifocal Dilemma. Contact Lens Spectrum, Volume 27, p. 64.
  • Hardt, V., 2015. Verfahren zur Bestimmung der Pupillenlage und Entwicklung einer
    Anpassempfehlung für die pupillenorientierte Zentrierung einer multifokalen Optik am
    Beispiel der CONTACT INDIVIDUAL. MULTI – Bachelorthesis.
  • Rehnert, M., 2011. Einflussfaktoren bei der Anpassung von weichen Multifokallinsen nach dem simultanen Prinzip. die Kontaktlinse, Issue 11, pp. 8-13.
  • Schubert, S., Rehnert, M. & Sickenberger, W., 2014. Einfluss physiologischer Strukturen auf den Erfolg von Simultan-Kontaktlinsen. die Kontaktlinse, Issue 5, pp. 10-15.
  • Thiel, K. S., Meier, S. & Moest, Peter, 2012. Kein Zusammenhang der Dezentrierung der
    Pupille und der Dezentrierung der Kontaktlinse. die Kontaktlinse, Issue 05, pp. 18-20.
  • Walker, M. & Caroline, P., Soft Lens Centration Based on Scleral Shape Measurement. Soft Special Edition. [Online] Available at: http://www.softspecialedition.com/world_wide_vision_xv [Zugriff am 05 03 2018].
  • Woods, R. L., Port, M. J. & Saunders, J. E., 1993. Concentric Design Rigid Bifocal Lenses,
    Part I: Optical Performance. Journal of the British Contact Lens Association, (16), pp. 25-36


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