Die Brillenmacherin – ein historischer Roman über die Brillenherstellung

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Obwohl es sich bei der Brillenmacherin um kein Fachbuch handelt, verdient der Roman eindeutig eine ausführliche Buchrezension im optikum. Der 1975 in Leipzig geborene Autor Titus Müller hat betreffend der Anfertigung von Brillen im Mittelalter gut recherchiert und erzählt eingebettet in einem spannenden Roman über die Brillenmacherkunst des 14. Jahrhunderts. Wir haben das Buch für Sie gelesen und den Autor um ein Interview gebeten.

Inhalt

Titus Müller erzählt vom englischen Brillenmacher Elias Rowe, der im Jahr 1387 für die englische Elite Brillen anfertigt. Ende des 14. Jahrhunderts beherrschen in Europa nur sehr wenige Männer die Kunst Brillen anzufertigen. Die Kunst des Brillenmachens sowie Formen zur Anfertigung von Schleifschalen bringt Elias von seiner Lehrzeit aus Brabant nach England. Seine junge Ehefrau Catherine ist von der Brillenmacherkunst seitdem sie Elias kennengelernt hat fasziniert. Nicht zuletzt deshalb heiratet sie Elias Rowe. Hunderte Male schon, hat sie ihrem Mann beim Anfertigen von Sehhilfen zugesehen und prägt sich jeden der Handgriffe ein.

Eine eigenartige Sehschwäche eines Edelmannes fordert eines Tages Elias Rowe’s ganze Aufmerksamkeit. Über 50 Linsen hat er für den Herrn schon geschliffen. Aber sie zeigen alle keinen Erfolg. Sowohl mit den dünnen, als auch mit den dicken Linsen sieht der Auftraggeber misteriöserweise beim Lesen zwar etwas klarer, aber immer noch trüb. Mit den mittleren Stärken erzielt Elias eigenartigerweise gar keinen Erfolg. Catherine, die Frau des Brillenmachers ist dem Rätsel auf der Spur und fertigt während der Abwesenheit ihres Ehemanns verbotenerweise eine Brille für die seltsamen Augen des Edelmannes. Mit einem dicken, stark gewölbten, kostbarem, gelben Barillaglas auf der einen Seite und mit einem dünnen, flacherem, grünem Waldglas auf der anderen Seite hofft sie dem Herrn die Sehkraft zum Lesen wieder schenken zu können. Ahnen Sie schon von welcher Fehlsichtigkeit der Autor erzählt?

Eines Tages wird Elias unter misteriösen Umständen ermordet. Catherine gerät auf der Suche nach Elias Mörder zwischen die Fronten eines machtvollen Glaubenskrieges. Kann sie ihre seltene Kunst des Brillenschleifens vor dem Schlimmsten bewahren?

Aus augenoptischer, historischer Sicht

Dem Leser der Brillenmacherin wird sehr gut die Anfertigung von Brillen im Mittelalter aufgezeigt. Sehr deutlich wird das praktische Vorgehen bei der Suche des "richtigen Brillenglases" dargestellt. Es ist zu diesem Zeitpunkt eben noch mehr ein Pröbeln als eine Wissenschaft. Anschaulich wird dem Leser die mühsame, langwierige Entstehung der Brillengläser mittels Bröckeln, Feilen und dem Schleifen in unterschiedlichen Schleifschalen vor Augen geführt. Auch wird klar, dass nur die allerreichste Oberschicht Zugang zu Sehhilfen hat.

Titus Müller studierte neue deutsche Literatur, mittelalterliche Geschichte und Publizistik und hat sich in der Brillenmacherin erfreulicherweise gleich mehrfach dem Gebiet der Optik bedient. So blicken seine Ritter durch ein Fernrohr, das historisch korrekt noch keine Linsen aufweist. Das Rohr dient lediglich zur Abschattung der Augen und zur Konzentrationssteigerung. Im Zuge der Erzählung kommt die Hauptdarstellerin auch zu einer Glashütte. Der Leser erhält eine plastische Darstellung – unter anderem von der Anfertigung farbiger Gläser.

Titus Müller
Der Autor der Brillenmacherin – Titus Müller (Foto ©Björn Reißmann)

Der Autor hat auffällig gut auf dem Gebiet der Geschichte der Optik recherchiert – unter anderem im von mir sehr geschätzten, fünfzehnbändigen Handbuch zur Geschichte Optik, welches in den 80er Jahren im Wayenborg Verlag erschienen ist. Lediglich bei der Verwendung einer laterna magica durch die Protagonistin hat der Autor zeitlich ein wenig geschummelt. Dieses frühe Projektionsgerät wurde nämlich erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts erfunden. Die kleine "historische Freiheit" bereitet dem gut geschriebenen Roman literarisch allerdings keinen Nachteil. Man darf auch nicht vergessen, dass beispielsweise nach den Wikinger-Grabfunden bei Visby, die Erfindung der Lesesteine plötzlich auch über 200 Jahre vordatiert werden mussten. Der Autor eines historischen Romans hat zudem auch das Recht, zugunsten eines ausgezeichneten Plots historische Unschärfen in Kauf zu nehmen.

Im Gespräch mit Titus Müller

optikum: "Ihre Romane sind durchwegs historischer Art. Die Protagonistin ihres neuesten Romanes ist die Frau eines Brillenmachers. Wie sind Sie gerade auf dieses Gewerbe gekommen?"

Titus Müller: "Ich las vor Jahren einen Artikel mit der Überschrift "Die Entdeckung der Monsterflöhe", in dem es um die ersten Vergrößerungsgläser und die ersten Brillen ging. Das Thema hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Natürlich bin ich auch selbst mit der Sache verbunden: Als einer, der seit dem fünften Lebensjahr eine Brille trägt, bin ich Tag für Tag Nutznießer der Brillen-Erfindung."

Brillenmacherin
"Am ergiebigsten war für mich das mehrbändige Handbuch zur Geschichte der Optik" von E.-H. Schmitz. (Foto ©Björn Reißmann)

optikum: "Sie beschreiben in "Die Brillenmacherin" sehr detailreich die Anfertigung von Brillen. Sogar eine Ungleichsichtigkeit ihres Darstellers Sir Latimer beschreiben Sie sehr spannend. Wo erwarben Sie ihr augenoptisches Wissen?"

Titus Müller: "Am ergiebigsten war für mich das mehrbändige "Handbuch zur Geschichte der Optik" von E.-H. Schmitz. Aber auch andere Bücher zur Geschichte der Optik haben mir weitergeholfen, so jene von Frank Rossi, Emil Wilde, Edmund Hoppe, Inge Keil. Und ich habe selbst herumexperimentiert – Sie als geübter Augenoptiker würden darüber lachen, was ich mit meiner Zweitbrille angestellt habe!"

optikum: "Die laterna magica wurde ja erst nach dem 14. Jahrhundert – in der Mitte des 17. Jahrhundert – erfunden. Ich bin sicher, dass Sie dies aufgrund der perfekten Recherche und als Spezialist für mittelalterliche Geschichte wußten. Wie weit darf ein Autor aus Ihrer Sicht zugunsten einer spannenden Handlung von historischen Fakten schon mal abgeweichen?"

Titus Müller: "Beim historischen Roman sollte man so selten wie möglich von den Überlieferungen abweichen. Ich habe mir dennoch in Bezug auf die Laterna Magica die Freiheit erlaubt, sie verfrüht auftauchen zu lassen. Ihr Vorgänger, die Lochkamera oder Camera Obscura, wurde von Roger Bacon (ca.1219-1292) hergestellt und benutzt. Der erste, der ihr erwiesenermaßen Linsen hinzufügte, war Girolamo Cardona im Jahre 1554. Vierzehn Jahre später verwendete der venetianische Edelmann Daniel Barbaro dazu eine bikonvexe Linse – er benutzte das Brillenglas eines alten Mannes. Nun hatte es die Camera Obscura und die Brillen schon so viel länger gegeben. Ist es da nicht vorstellbar, daß jemand erheblich früher auf die Idee kam, die beiden Erfindungen zu kombinieren? Sehr oft in der Menschheitsgeschichte sind Entdeckungen wieder untergegangen, um hunderte Jahre später erneut "erfunden" zu werden. Der genaue Zeitpunkt einer Erst-Erfindung lässt sich häufig nicht feststellen."

optikum: "Zum Schluß eine typische Frage an einen erfolgreichen Romanautor, die Sie wahrscheinlich nicht mehr hören können. Bislang erschien seit 2002 jedes Jahr ein neuer Roman von Ihnen. Was dürfen wir uns von Titus Müller für 2006 erwarten? Können Sie unseren Lesern schon ein wenig verraten?"

Titus Müller: "Wer redet nicht gern von dem Projekt, an dem er gerade arbeitet? Ich danke für die freundliche Frage! Mein nächster Roman erscheint zum Weihnachtsfest 2005. Er wird "Die Todgeweihte" heißen und ist etwa dreißig Jahre vor der "Brillenmacherin" angesiedelt. In Basel haben sich damals recht schreckliche Dinge zugetragen, von denen noch heute Risse im Mauerwerk des Basler Münsters zeugen, und alte, verwitterte Grabsteine. Meine Heldin in diesem Roman, eine Jüdin namens Saphira, verliert ihre Familie, ihren Beruf, ihre Ehre. Alles, was ihr bleibt, ist ein Kästchen, das der sterbende Vater ihr gab, mit dem Auftrag, es zum König zu bringen. Saphira wird gnadenlos verfolgt auf ihrem Weg. Allerdings haben die Verfolger mit einem nicht gerechnet: Zwei Männer sind unsterblich in die Jüdin verliebt."

Buchdaten

"Die Brillenmacherin" von Titus Müller ist im März 2005 bei Rütten & Loening erschienen. Die gebundene Ausgabe umfasst 435 Seiten, kostet 19,90 Euro. Eine Bestellmöglichkeit finden Sie unter anderem hier. Weitere Infos zum Autor auf dessen Homepage.