Das Brilmuseum in Amsterdam – ein geschichtsträchtiges Haus mit historischen Brillen

Eine entzückende Ansammlung historischer Brillenfassungen findet man im Amsterdamer Brilmuseum. In einem um 1620 erbauten Haus, präsentiert sich ein Sammelsurium an Brillen mit einem großartigen Überblick über die Geschichte der Brille innerhalb der letzten 700 Jahre. Wir haben deshalb dem charmanten Haus an den Grachten einen Besuch abgestattet.

Eigentümerin Mijke Teunissen blickt auf eine rege augenoptische Vergangenheit in ihrer Familie zurück. Sowohl ihr Vater, als auch ihr Großvater und Urgroßvater waren Augenoptiker. So sind wohl nicht wenige der Exponate innerhalb der Familie weitergereicht worden.

Von den Nietbrillen zu den Kultbrillen der 70er

Im ersten Moment waren wir etwas enttäuscht: das Museum war obwohl Freitag offen sein sollte geschlossen. Beim genauen Hinsehen bemerkten wir aber links neben der Türe eine Klinkel. Also betätigten wir flugs die Türklingel, verharrten in Erwartung und wurden doch nicht enttäuscht. Eine nette Dame begrüßte uns und gewährte Einlass.

Im Entree befinden sich die käuflich erwerbbaren Gestelle. Bei einigen der hier angepriesenen Modelle erfährt man ein Deja Vu Erlebnis. Da tummeln sich unter anderem Fassungen der letzten zwanzig Jahre und so manch bekannte Verkaufsschlager wie zum Beispiel La Roche Fassungen der 80er lassen Erinnerungen wieder Gestalt annehmen. Aber auch über 100 Jahre alte Fassungen werden hier feilgeboten. Egal ob eine authentische Buddy Holly Brille, ein extrem extravagantes, auffälliges Modell oder eine zeitlose, jahrhundertalte Schubertbrille gewünscht wird. Hier wird man fündig.

Brilmuseum
Im zweiten Stock des Brilmuseums

Um 4,50 Euro Eintritt kann man aber die wirklich sehenswerten Obergeschoße des 400 Jahre alten Bürgerhauses besichtigen. Über eine abenteuerlich enge, rote Holzwendeltreppe gelangt man in den ersten Stock in dem sich das Büro vom Brilmuseum befindet. In das eigentliche Museum geht es über eine weitere, steile Wendeltreppe in den zweiten Stock hinauf. In dieser Ebene befinden sich zahlreiche, schöne Exponate historischer Brillenfassungen.

Brilmuseum
Die Wendeltreppe im Brilmuseum ist ein Abenteuer für sich

Etwa 400 Jahre lang nach der Erfindung der Brillen wurden die Sehhilfen immer noch von ihren Trägern mühevoll auf der Nase balanciert oder in Händen gehalten. Replikas dieser ersten Vertreter der Sehhilfen – Niet- und Bügelbrillen – können in einer Vitrine aus der Nähe betrachtet werden.

Nietbrille
Nachbau einer Nietbrille,
wie sie vor allem im 13. bis 15. Jahrhundert üblich war

Erst etwa um 1650 kam man auf die glorreiche Idee die Brillen mit Bügeln zu versehen und die Ohren als Sitzhilfe zu verwenden. Gleich mehrere Exponate früher Ohrenbrillen sind im zweiten Stock zu bewundern. Am Ende der Brillenbügel befindet sich ein Ring zum besseren Halt hinter dem Ohr, weshalb diese Brillen auch Ringbügelbrillen genannt werden.

Ohrenbrille
Eine extrem frühe Ohrenbrille mit großen Ringen
an den Bügeln, die einst Polsterungen aufwiesen

Ohrenbrille
Sehr elegantes Modell einer frühen Ohrenbrille

Schläfenbrille
Schläfenbrille (Ränderbrille)…

Schläfenbrille
…vom 18. Jahrhundert

Ohrenbrille
Mit Leder überzogene Ohrenbrille

Stirnreifenbrille
Eine Stirnreifenbrille – Vorgänger der Ohrenbrille

Spanische und portugisiesche Missionare exportierten das Wissen um Sehhilfen um 1650 nach Asien. Dort wurden Brillen sehr häufig mit Plangläsern – als Sonnenschutz oder um vor etwaigen bösen Krankheiten zu bewahren – hergestellt. Die Größe der Brille spiegelte Macht und Grüße des jeweiligen Mandarin-Beamten. Je höher die gesellschaftliche Stellung des Betreffenden nämlich war, desto größer durfte er seine Brille anfertigen lassen. An der Wand gegenüber der Treppe befindet sich eine Vitrine mit anschaulichen Exponaten asiatischer Brillenkunst.

Chinesische Brille
Asiatische Brillenkunst mit Etui – 18. Jahrhundert

Gleich in der Vitrine daneben sind winzige, aufwendig verzierte Fernröhrchen zu bewundern. Diese Miniaturen waren in der Biedermeierzeit beliebte Geschenke. Auf noblen Bällen wurden sie in Europa auch als Damenspende gereicht. Tja, die gute alte Zeit – das waren noch tolle Ballspenden!

Fernrohr Miniatur
Reich verzierte Fernrohrminiaturen…

Fernrohr Biedermeier
aus der Biedermeierzeit

Im 19. Jahrhundert verfiel man auch der Idee, dass blaue Brillengläser die Gesundheit fördern könnten. Das erinnert an so manche Aussage die sogar noch heute zu hören ist – nämlich, dass „nur braune“ Gläser schützend wären. Im Brilmuseum finden sich selbstverständlich auch interessante Sonnenschutz-Exponate.

Kobaltgläser
Im 19. Jahrhundert glaubte man, dass blaue Kobalt-Gläser gesund wären

Links neben der Wendeltreppe finden sich selten zu sehende Kuriositäten längst vergangener Zeiten. Haben Sie schon einmal eine Hundebrille oder eine Schnee-Schlitzbrille gesehen?

Hundebrille
Damit der Hund im Cabrio nicht unter Fahrtwind leidet

Schneebrille
Schützte auch ohne Gläser im hohen Norden vor Blendung

Erneut steigt man über steile Holzstufen in den dritten und letzten Stock des privaten Brillenmuseums. Hier spürt man unweigerlich, dass der Boden sich zu den Fenstern hin neigt. Wie bei den meisten Amsterdamern Häusern dieser Bauzeit wurde die Fassade nach oben hin zur Sraße vorgeneigt gebaut. Grund dazu sind die bereits geschilderten, extrem engen Stufen. Ein Transport der Möbel durch das Innere war unmöglich. Deshalb behalf man sich mit an den Dachbalken montierten Flaschenzügen und hievte den Unrat an der Außenseite des Hauses hoch. Die erwähnte Vorneigung der Fassade sollte eine Beschädigung des Mobiliars durch ein Anstreifen an der Fassade verhindern.

Brilmuseum
Kurioses Brillendesign der 50er, 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts

Das Innere des dritten Stocks beinhaltet eine Sammlung kurioser Auswüchse des Brillendesigns innerhalb der letzten 80 Jahre. Schrille Farben und extrovertierte Formen zeugen vom mutigen Design der 70er.

Königin der Nacht
Wohl die Sonnenbrille der Königin der Nacht?

Poppige Brillen
Rund und eckig? Oder doch gleich dreickig?

Das Brilmuseum ist eine gelungene Mischung aus anspruchsvollem Museum und Shop für ausgefallene Fassungen vergangener Tage. Mijke Teunissen ist eigentlich Architektin und hat das Augenoptiker Handwerk an sich nicht erlernt. Trotzdem ist sie in die Fußstapfen ihrer Vorfahren gestiegen und ist zur Spezialistin für extravagantes Brillendesign vergangener Zeiten avanciert. „Wenn ein Optiker sein Geschäft zusperrt kaufe ich immer wieder dessen Fassungen für Shop-Verkauf und Museum ein“, verrät Teunissen.

Das Brilmuseum beeindruckt durch seinen einigartigen, kuriosen Flair. Neben den unzähligen Brillenexponaten können auch augenoptische Instrumente, Reklametafeln und Bilder mit Brillenabbildungen angesehen werden. Die Familie Teunissen hat ihre Sammlerleidenschaft im augenoptischen Bereich konsequent ausgelebt. Bei einem Ausflug nach in Amsterdam ist ein Besuch dieser Kultstätte für Augenoptiker und alle anderen Brilleninteressierten sicher ein Erlebnis. Das Brilmuseum liegt dazu noch angenehmerweise im Restaurant- und Ausgeh-Viertel Jordaan.

Brilmuseum
Gasthuismolensteeg 7
1016 Amsterdam
Tel & Fax: +31(20)4212414

Web: www.brilmuseumamsterdam.nl
eMail: brilmuseum.brillenwinkel@.nl

Eintritt: 4,50 Euro

Öffnungszeiten
Mittwoch bis Freitag 11:30-17:30
Samstag 11:30-17:00

Umfassende Infos zur Geschichte der Brille finden Sie
im 1. Virtuellen Museum der Augenoptik

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