"Drop-Out"-Rate und Compliance

Wer ist Schuld an der anhaltend winzigen Quote der Kontaktlinsenträger? Wo doch nach der Statistik circa die Hälfte der Bevölkerung einer Sehhilfe bedarf – und wo doch die Brille nach wie vor längst nicht das beliebteste Accessoire des täglichen Lebens ist. An zuwenig Werbung liegt es sicher nicht, den dafür werden vergleichsweise große Summen ausgegeben und große Anstrengungen unternommen.

Brauchen wir eine Renaissance oder eine Revolution?

Vielmehr ist fast jedem bewusst, dass zwar täglich neue Linsenträger dazukommen – genauso viele aber „hinten wieder runterfallen“. Sind wir als Kontaktlinsen-Anpasser nur Durchlauferhitzer? Kann die Drop-Out-Rate vielleicht auch einmal nachhaltig reduziert werden? Der Schlüssel liegt unter anderem vor allem in der Schaffung einer guten Compliance – nicht nur der des Patienten, sondern der aller Beteiligten.

Per Definitionem: Compliance

Kontaktlinsenanpassung ist etwas Persönliches. Kontaktlinsen sollen zwar nicht „ins Auge gehen“ – zumindest ist es allerdings unerlässlich, dass dem Anwender die zur guten Verträglichkeit der Kontaktlinsen auf dem Auge erforderlichen Handhabungs- und Verhaltensweisen „unter die Haut“ gehen: Sie müssen verstanden, akzeptiert und vor allem angewendet werden. Neudeutsch sagt man dazu heute "Compliance". Doch es ist wie so oft mit „stehenden Begriffen“: Die bloße Übersetzung (englisch: Befolgung) oder der Blick in ein medizinisches Wörterbuch (z.B. Pschyrembel [1]) vermitteln zwar eine erste Idee darüber, was durch diese Thematik alles angesprochen wird, eine umfassende Beschreibung ist aber dann doch sehr viel spezifischer als es eine Stichwort-Definition vermag. Noch differenzierter wird es, wenn man Compliance im Falle der Kontaktlinsenanpassung als die Schlüsselfunktion für eine langfristige Funktionalität, physiologische Integrität und der Akzeptanz der Erforderlichkeiten sowie dem vom Anpasser angestrebten wirtschaftlichen Erfolg betrachtet. Hier bekommt Compliance neben seiner bisher eher „medizinisch“ betrachteten Bedeutung auch noch eine betriebswirtschaftliche und sogar eine soziopsychologische Funktionalität.

Doch dazu nun im Einzelnen:

Der Begriff "Compliance" entstand zu Beginn der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als erste systematische wissenschaftliche Untersuchungen gestartet wurden, die sich mit der Frage befassten: Wie viel von dem, was Ärzte ihren Patienten raten, tun diese wirklich? Compliance ist kein sehr glücklicher Begriff, weil es im Deutschen keine inhaltlich kongruente Bezeichnung gibt; er ist jedoch inzwischen in der Fachterminologie fest verankert. Compliance darf nicht verwechselt werden mit Dressur, unreflektiertem Gehorsam oder Bevormundung des Patienten. Im weitesten Sinne bedeutet Compliance Kooperation durch eine partnerschaftliche Beziehung aller Beteiligten. Im Falle der Kontaktlinse sind diese „Beteiligten“ einerseits der Augenoptiker oder Augenarzt und der Kontaktlinsenanwender, andererseits auch die Anpass-Profis und die Hersteller von Kontaktlinsen und Pflegeprodukten. Zweifellos ist Compliance ganz wesentlich das Resultat einer erfolgreichen Kommunikation zwischen Seh-Spezialist und Patient. Das Gespräch mit dem Patienten ist daher eine der Kernaufgaben für das Erzielen einer guten Compliance [2].

Compliancefördernde Maßnahmen

Der „aufgeklärte Patient“ möchte gerne informiert, nicht „belehrt“ werden. Und er beobachtet sehr genau: Entdeckt er beim Anpasser während der Beratung und Anpassung eine „großzügige“ Verfahrensweise in Sachen Hygiene, dann hat dieser mit Sicherheit ein großes Akzeptanzproblem, wenn er anschließend Hygienemaßnahmen erklären will, die der Patient dann einhalten soll. Die Kunst, eine möglichst optimale Compliance zu erzielen, besteht lediglich darin, einerseits alle motivationsfördernden Maßnahmen auszuschöpfen, andererseits alle gegenläufigen Faktoren weitestgehend auszuschalten indem ganz einfach bekannte Fehler in der Kommunikation vermieden werden.

Genauso wichtig sind aber auch eine Reihe flankierender Maßnahmen, die die Compliance fördern:

  • schriftliche Informationshilfen.
  • Selbstkontrolle fördern.
  • Bezugspersonen einschalten.
  • Selbstständigkeit und Eigenverantwortung anregen.
  • Kompromissfähigkeit zeigen.

Nachweislich ist Compliance keine Errungenschaft die, ist sie einmal erzielt, dann für alle Zeiten unverändert bestehen bliebe. Erfahrungsgemäß besitzt Compliance eine „Halbwertszeit“ von nur wenigen Monaten. Das heißt: Schon nach einen Vierteljahr kann die einmal erzielte Patienten-Compliance auf die Hälfte zerfallen sein. Tägliche Routine ohne offensichtliche Komplikationen lässt nun mal unaufmerksam werden. Nachlässigkeiten werden nicht mehr ursächlich für Funktions- oder Komfortverlust wahr genommen. Und genau diese Entwicklung ist es, auf welche die „Drop-Out-Teufelchen“ warten. Die Vereinbarung fester Kontrolltermine hat hierbei einen regenerativen und auch kumulativen Effekt: Sie „erinnert“ und bestärkt gleichzeitig den Patienten in der Überzeugung, dass der Anpasser sich wirklich um ihn kümmert und an ihm interessiert ist, dem Anpasser selbst bietet sich gleichzeitig die Möglichkeit der Compliance-Kontrolle.

Der Anpasser als Ursache nicht zustande kommender Compliance

Die Voraussetzung, dass ein Kontaktlinsen-Patient die Empfehlung seines Anpassers annimmt, ist die Glaubwürdigkeit des Ratschlags. Die Glaubwürdigkeit ist wiederum gebunden an die fachliche Kompetenz, die der Patient seinem Anpasser zuschreibt. Auch eine fachlich fundierte Empfehlung wird erst dann akzeptiert, wenn ein bestimmtes Vertrauen zwischen Patient und Anpasser besteht. Der Grad der Compliance und das Ausmaß des Vertrauens des Patienten zum Anpasser weisen eine deutliche Korrelation auf. Ein aus der Sicht des Patienten negatives Bild des Marktanbieters wirkt sich auch auf die Compliance negativ aus.

Bestimmte Verhaltensweisen von „Fachleuten“ sind besonders geeignet, Non-Compliance zu fördern:

  • distanzierte und kühle Behandlung,
  • routinemäßige Gesprächsführung,
  • nicht auf Gegenfragen eingehen,
  • autoritäre, arrogante Haltung,
  • Versäumnis, die Wichtigkeit einer Empfehlung oder Handhabungsvorschrift zu veranschaulichen.

Umgekehrt ist Compliance erheblich leichter zu fördern, indem der Anpasser mehr Partnerschaftlichkeit und weniger Autorität an den Tag legt. Um so eher ist der Patient gewillt, Empfehlungen zu akzeptieren. Hingegen merken es die Kontaktlinsen-Patienten recht schnell, wenn beim Anpasser vielleicht etwas weniger Motivation vorhanden ist als man erwartet. Genauso wenig hilfreich ist es, wenn nicht eindeutige oder missverständliche Empfehlungen ausgesprochen werden.

Absolute Vertrauenskiller sind vor allem jedwede Angriffe auf das Selbstwertgefühl des Patienten ("Andere schaffen das schneller als Sie", „…stellen Sie sich nicht so an…“, etc.). Und entgegen einer leider doch vielerorts anzutreffenden Auffassung sind auch alle wie auch immer angelegten Einschüchterungstaktiken, Drohungen oder angsterzeugende Strategien, alles andere als motivationsstärkende Maßnahmen. Oder haben Sie schon mal erlebt, dass ein Raucher eine Zigarettenpackung wieder zurückgelegt hätte, nur weil er die darauf neuerdings plakatierten „Warnungen“ gelesen hätte….? Viel effizienter ist es da, die Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit des Patienten in die Strategien mit einzubeziehen und mit seriöser Aufklärung sehr wohl auf Probleme hinzuweisen, dies allerdings ohne blutrünstige Ausmalungen oder anderen Horrorszenarien „veranschaulichen“ zu wollen. Zugegeben: Hier kann schon mal eine gewisse Problematik entstehen, wenn sich zum Beispiel die kognitiven Ebenen von Patient und Anpasser zu sehr unterscheiden.

Kurt Tucholsky meinte seinerzeit: „Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann – Das Gegenteil ist schon schwieriger.“ Das heißt jetzt auf keinen Fall, dass alle Patienten dumm wären. Es soll vielmehr sagen, dass es die Aufgabe dessen ist, der eine Information weitergibt, diese so zu formulieren und ggf. zu vereinfachen, dass auch der Laie die Botschaft verstehen kann.

Aus der Medizinwelt ist längst bekannt: Häufige Ursache einer kognitiven Überforderung ist das Überschätzen der Verständlichkeit von Empfehlungen oder der Merkfähigkeit des Patienten. Eigenen Angaben zufolge verstehen 7-53% der Patienten nicht, was ihnen vom Arzt gesagt wird. Testuntersuchungen sprechen jedoch dafür, dass der Prozentsatz mit 53-89% noch deutlich höher liegt, weil viele Patienten glauben, eine Empfehlung verstanden zu haben, obwohl dies tatsächlich nicht der Fall ist. In einem erschreckend hohen Prozentsatz (28-71%) werden ärztliche Instruktionen vergessen, wobei die Resultate um so ungünstiger sind, je höher die Zahl der angebotenen Informationen ist (Lay[3]).

Dies ist in der Kontaktologie kein bisschen anders!

Ursachen für unbefriedigende Compliance die beim Kontaktlinsen-Patienten liegen

Ursachen einer mangelhaften Compliance sind häufig bestimmte Einstellungen und Vorstellungen von Patienten. Diese Barrieren sind meist sehr schwierig zu überwinden und bedürfen einer besonders geduldigen und langfristigen Intervention. Das Grundproblem besteht darin, dass niemand auf die Dauer gegen seine Erwartungen und Bedürfnisse zu motivieren ist und Motivationsversuche gegen Prägungen, Vorurteile und Gewohnheiten auf größte Widerstände stoßen. Im Bereich der Kontaktlinsenanpassung sind solche „Prägungen“ in der jüngeren Vergangenheit leider auch durch eine vielleicht etwas zu „nachfrager-schmeichelnde“ Produktpolitik und Aufklärungs-Argumentation erst erzeugt worden. Vor allem das Schlagwort „Bequemlichkeit“ oder „easy to care“ hat Erwartungshaltungen erzeugt, die ganz einfach dem Produktbereich und seiner ihm eigenen Anforderungspalette nicht mehr gerecht wurden. Der sich heute daraus für die Fachkreise ergebende Zwang zur Reorganisation der Hygieneempfehlungen erfordert ein besonderes Maß an pädagogischem Fingerspitzengefühl.

Ursachen für unbefriedigende Compliance die in der Information selbst liegen

Selbst die überlegteste Empfehlung und die sinnvollste Instruktion wird nicht umgesetzt werden, wenn sie den Adressaten überfordern oder aus anderen Gründen bei ihm einfach nicht „ankommen“. Dabei gibt es eine Vielzahl von Konflikt-Kriterien, die zum Umsetzbarkeits-Hindernis werden können. Seien es einfach unpräzise oder unverständliche Instruktionen, überladene Info-Medien, Mehrfach-Instruktionen welche dadurch die Aufmerksamkeit reduzieren. Ebenfalls wirkungslos müssen solche Instruktionen bleiben, in welchen alle Anweisungen mit dem sinnbildlichen "erhobenem Zeigefinger" präsentiert werden.

Die besseren Empfehlungen für Informationen an den Patienten:

  • Einfachheit und gute Verständlichkeit
    Sachliche Zusammenhänge sollen ganz einfach in „Jedermann-Sprache“ dargestellt und bei Bedarf näher erläutert werden. Dabei sind wissenschaftliche Darstellungen fast generell komplett ungeeignet, weil sie in aller Regel spezielles Bereichswissen voraussetzen. Je mehr Fachausdrücke gebraucht werden, je "wissenschaftlicher" die Anweisung formuliert sind und je mehr die sprachlichen Ebenen von Informationsgeber und Patient voneinander abweichen, um so mehr leidet die Verständlichkeit einer solchen Empfehlung.
  • Kurz und sauber strukturiert
    Je mehr Informationen eine Instruktion enthält, um so größer ist die Gefahr von Missverständnissen und um so höher liegt die Quote des Vergessenen. Bei Mehrfachinstruktionen kann es zudem für den Empfänger schwierig sein, die Wichtigkeit der einzelnen Empfehlungen zu unterscheiden. Auch die Reihenfolge, in der Ratschläge gegeben werden, spielt für das Verhalten eine Rolle: Eine Empfehlung, die am Anfang gegeben wird, wird doppelt so gut behalten wie ein Ratschlag in der Mitte einer Reihenfolge.
  • Präzise instruieren
    Damit sind nicht nur die Ungenauigkeit einer Instruktion und das Fehlen quantitativer Angaben gemeint, sondern auch, dass aus der Sicht des Anpassers scheinbar unmissverständliche Ratschläge aus der Sicht des Patienten vieldeutig sein können. Es ist weitaus hilfreicher, einen für den Patienten einzuhaltenden Standard vorzugeben, als jede Menge an Verhaltens-Bandbreiten offen zu lassen und den Patienten dadurch ständig in eine Entscheidungssituation zu bringen, die ihn letztendlich überfordert.

Kontaktlinsen „verkaufen“ kann jeder Depp. Dazu gehört nicht sehr viel. Man hat sogar schon davon gehört, dass so was ganz ohne jeden fachlichen Wissenseinsatz per Internet möglich sein soll…. Wenn Kontaktlinsen funktionierende Sehhilfen sein sollen, die sich mit geringstmöglichem Risiko im vorderen Augenabschnitt tragen lassen und sich in der Folge auch über viele Jahre harmonisch mit ihrem Träger vertragen sollen – dann allerdings ist ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz gefordert. Ohne diese – und ohne die verantwortungsvolle Interaktion zwischen Optometrie, optotechnischer Hardware und der „fachlichen Software“ als Compliance schaffendes Bindeglied – sind Kontaktlinsen trotz hoher Herstellerqualität einfach nicht viel mehr als ein (ggf. sogar gefährliches) Stückchen Kunststoff.

Facts for Professionals

Compliance ist ein Ergebnis erfolgreich stattgefundener Kommunikation. Empfehlungen brauchen Grundlagen, auf denen sie entwickelt werden. Für den Anpasser sind demzufolge die wissenschaftlichen Ergebnisse eine wichtige Informationsquelle um genau daraus die im Einzelfall für seinen Kontaktlinsen-Patienten „passende“ Empfehlung abzuleiten. Deshalb soll nun in diesem Abschnitt kurz das Wesentlichste an Fakten gestreift werden, was hierzu nötig ist: Für anhaltende Funktionalität und Verträglichkeit ist die Kontaktlinsen-Hygiene ein ganz entscheidender, wenn nicht gar der wichtigste Faktor. Wobei hier Hygiene und Pflege fließend ineinander übergehen und nur der Einfachheit halber im Weiteren nur von Hygiene gesprochen wird.

Verschiedene Wissenschaftler und Praktiker haben sich näher mit den Komplikationen beim Kontaktlinsentragen beschäftigt und sind zu einigen interessanten Ergebnissen gelangt.

a) Die Risiken mikrobieller Komplikationen

  • Das Risiko für eine mikrobielle Keratitis bei RGP – Kontaktlinsenträgern liegt laut Cheng und Kollegen[4] bei 1.1 pro 10.000 Kontaktlinsenträgern. Für Weichlinsenträger (tägliches Tragen) wurde ein deutlich erhöhtes Verhältnis von 3.5 zu 10.000 gefunden. Drastisch erhöhte sich die Inzidenz für eine mikrobielle Keratitis beim „verlängerten Tragen“ (vT) von Kontaktlinsen, hier fand man eine Rate von 20 zu 10.000.
  • Diese Ergebnisse werden durch die Aussagen von Stapelton et al.[5] unterstützt: Sie fanden ein 37-fach erhöhtes Risiko für eine mikrobielle Keratitis beim bei vT als beim Tragen von RGP-Kontaktlinsen. Für Weichlinsenträger (tägliches Tragen) lag das Risiko hierfür 4 mal höher als für RGP-Kontaktlinsenträger.
  • Liesegang[6] kam 1997 zu ähnlichen Ergebnissen. Auch hier wurde ein deutlich gesteigertes Risiko für eine mikrobielle Erkrankung der Augen bei vT-Verwendung („verlängertes Tragen“, Dauertragen) von Kontaktlinsen festgestellt.
  • Auch Egger[7] stellte fest, dass das größte Risiko für ein Hornhautgeschwür im Tragen von Kontaktlinsen über Nacht besteht. Er vermutete zudem, dass bis zu ¾ aller mit Kontaktlinsen assoziierten Hornhautulzera verhindert werden könnten, wenn die Kontaktlinsen nicht über Nacht im Auge belassen würden.
  • Brewitt[8] geht davon aus, dass in 66% der Fälle eine unzureichende Kontaktlinsenhygiene die Ursache für Komplikationen im Tragen von Kontaktlinsen darstellt.
  • Bereits 1988 veröffentlichte Roth[9], dass etwa 70% der im Zusammenhang mit Kontaktlinsen beobachteten Komplikationen auf eine unzureichende, mangelhafte Kontaktlinsenhygiene zurückzuführen sind. 12 Jahre später kam Roth[10] ebenfalls wieder zu einem ähnlichen Ergebnis: hier ist allerdings ein drastischer Anstieg in der Anzahl der Komplikationen zu beobachten, die im Zusammenhang mit überlangem Tragen von Kontaktlinsen stehen. Ein Grund hierfür könnte in der Zunahme der Verwendung von Austauschlinsen liegen, da vermutlich die Träger dieser Kontaktlinsen die Hygiene nicht so sorgfältig durchführen wie empfohlen oder wie bei formstabilen Kontaktlinsen praktiziert.

b) Zusammenhang zwischen Compliance und „Drop-Out“s

  • Eine Untersuchung von Radford und Mitarbeitern[11] ergab, dass lediglich 13% der Befragten eine gute Compliance zeigten, 32% eine brauchbare und mehr als die Hälfte der Kontaktlinsenträger – 55% – hingegen eine schlechte (Abb. 1). Mängel in der Behälterhygiene zeigten mehr als 70% und 20 bis 30% der Befragten führten keine Proteinentfernung durch. Einfluss auf die Compliance scheinen hier die Kompliziertheit der Hygienesysteme, die Kosten und das Verhältnis zwischen Anpasser und Kontaktlinsenträger zu haben. Kein Einfluss war in Bezug auf das Alter, das Geschlecht, die Bildung oder den Beruf zu beobachten.

Compliance und Kontaktlinsenhygiene
Abb 1: Compliance und Kontaktlinsenhygiene (Radford et al.)

  • Für Morgan[12] ist die Compliance entscheidend abhängig von den Kenntnissen des Anpassers, also seiner Bereitschaft sein Wissen auch weiterzugeben. Auch bei Schwartz[13] findet man Beweise für diese Aussage. Es wird hier belegt, dass weniger als 30% der Kontaktlinsenanpasser ihre Klienten über die Risiken unterlassener Kontaktlinsenreinigung informiert haben. Auch wurde festgestellt, dass Pflegeschritte, die kompliziert oder langwierig erschienen, weggelassen wurden.
  • Schwerwiegende Mängel bei der Durchführung der täglichen Kontaktlinsenhygieneschritten beobachtete Durban et al.[14]. 18% der befragten Kontaktlinsenträger wechselten abends die Kontaktlinsenflüssigkeit nicht, sondern füllten den Behälter lediglich auf. 2% der Teilnehmer dieser Untersuchung verwendeten eine abgelaufene Lösung, die bereits ein breites Spektrum an Mikroorganismen enthielt. Auf die tägliche manuelle Reinigung der Kontaktlinsen verzichteten 78%.
  • Bei Collins und Carney[15] hielten sich lediglich etwa ¼ der befragten Kontaktlinsenträger genau an die Pflegeanweisungen.

c) Hygiene als Voraussetzung für Verträglichkeit

Auch die Behälterhygiene ist von fundamentaler Bedeutung für die Kompatibilität von Kontaktlinse und Auge, da auch über mikrobiell verunreinigte Kontaktlinsenbehälter Keime über die Kontaktlinse auf das Auge gelangen können:

  • Gray und Kollegen[16] stellten in einer Studie fest, dass 81% der Kontaktlinsenbehälter mit Mikroorganismen verunreinigt waren. Nicht nur die gründliche Behälterhygiene ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung, sondern auch der regelmäßige Behälteraustausch.

Die Hygiene der Hände ist ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Teil der Kontaktlinsenhygiene, da durch die Handhabung der Kontaktlinsen mit den Fingern eine nicht geringe Anzahl an Keimen übertragen werden kann[17]. Solche Keime können unter Umständen bei einer Vorschädigung der Cornea eine Infektion des Auges auslösen:

  • Sowohl Turner et al.[18] als auch Radford et al.[19] zeigten in ihren voneinander unabhängigen Studien, dass sich fast jeder Zweite nicht die Hände wäscht bevor er seine Kontaktlinsen berührt.

Auch die Dauer des Kontaktlinsentragens spielte bei der Compliance der Kontaktlinsenträger eine große Rolle:

  • Lowther[20] fand in seiner Studie heraus, dass eine korrekte Durchführen aller erforderlichen Pflegeschritte nur etwa 1 bis 2 Wochen durchgehalten wird.
  • Ein ähnliches Ergebnis findet man bei Berke und Blümle[21], die eine deutliche Abnahme in den ersten beiden Jahren des Kontaktlinsentragens beobachtet haben. Danach wird ein konstantes – niedriges – Niveau gehalten.
  • Auch Wilson et al.[22] bestätigt mit ähnlichen Ergebnissen diese Aussage: die Autoren stellten eine signifikante Abnahme der Compliance nach 6 Monaten fest.

Compliance ist zudem auch vom Alter abhängig. Besonders ausgeprägt ist die Nicht-Compliance bei Kontaktlinsenträgern unter 30 Jahren (Sokol et al.[23]). Gerade dieser Kundenkreis ist besonders versucht vermeintlich unnötige Hygieneschritte zu reduzieren um Geld zu sparen – und genau in dieser Altersgruppe findet man einen Großteil der Kontaktlinsenträger!

Die richtigen Produkte verwenden

In der Vergangenheit konnte beobachtet werden, dass Hersteller wie Anpasser bestrebt waren das Kontaktlinsentragen – und hier vor allem auch die Kontaktlinsen-Pflege – möglichst einfach zu machen. Dieses grundsätzlich löbliche Ansinnen hat allerdings bei seiner Umsetzung doch einige empfindliche Zwangs-Erkenntnisse produziert, die ein wieder etwas intensiveres Nachdenken über die Tragemodi und die mit den Kontaktlinsen durchzuführenden Pflegeschritte erforderlich machten. Sehr lobenswert ist, wie hier die Industrie doch relativ schnell ihre Produkte den neu bzw. wieder gewonnen Erkenntnissen angepasst hat. Zwar wäre es immer noch wünschenswert, dass für die doch zuweilen etwas unterschiedlichen Reinigungsanforderungen speziell der hydrophilen Kontaktlinsen noch wirkungsvollere Produkte zur Verfügung stünden – aber vielleicht wird in den Labors ja bereits daran „gerührt“…

Richtig empfehlen – Compliance schaffen – Drop-Out’s reduzieren

Compliance in der Kontaktlinsenhygiene ist von 3 Faktoren abhängig: die Anleitung und Unterrichtung durch den Anpasser, die Bereitschaft bzw. Persönlichkeit des Kontaktlinsenträgers die empfohlene Pflege durchzuführen und der Einfachheit und Effizienz des verwendeten Pflegesystems. Nur das korrekte Zusammenspiel dieser 3 Bausteine sichert ein zufriedenes, erfolgreiches Kontaktlinsentragen.

Compliance Synchronisation

Abb 2: Das Zusammenspiel der Compliance-Bausteine

Sowohl Anpasser als auch Kontaktlinsenträger müssen Compliance zeigen um ein erfolgreiches – komplikationsloses – Kontaktlinsentragen zu gewährleisten. Nur die Information, die der Anpasser an den Kontaktlinsenträger weitergibt, kann im Idealfall vom Kontaktlinsenträger in die tägliche Pflegeroutine seiner Kontaktlinsen übernommen werden. Für eine gute Compliance des Kontaktlinsenträgers ist demzufolge die Compliance des Kontaktlinsenanpassers eine ganz wesentliche Grundvoraussetzung.

Basierend auf der Erkenntnis, dass kein Mensch auf Anhieb sich verlustfrei alles merken kann, was einem an neuen Informationen vermittelt wird, müssen wir umso sensibler auswählen, was wir an notwendigen Instruktionen vermitteln. Fatal wäre es demzufolge, einem neuen Kontaktlinsenträger einen Stapel von Beschreibungen, Anleitungen und womöglich auch noch ein Wust von Produktinformationen für vermeintliche Zusatzumsätze aufzuhalsen.

In der Beschränkung auf das wirklich Wesentliche, die wichtigen Schritte der Handhabung, Pflege und des adäquaten Trägerverhaltens liegt die Grundlage des didaktischen Erfolgs – und damit der zu erzielenden Compliance des Kontaktlinsenträgers:

  • Machen Sie für Ihren Kontaktlinsen-Patienten die wesentlichen Voraussetzungen für Funktionalität und Verträglichkeit seiner Kontaktlinsen deutlich:
  1. Handhygiene
  2. Reinigung
  3. Desinfektion
  4. Aufbewahrung
  5. Proteinentfernung
  6. Nachbenetzung
  7. Behälterhygiene/-austausch
  8. Regelmäßige Kontrolltermine
  • Individuelles Abstimmen des Hygienesystems auf den Anwender: Berücksichtigen Sie Aspekte wie Beruf, anatomische Voraussetzungen, Tragemodalitäten und finanzielle Bedürfnisse. Zeitgemäße Hygienesysteme für Kontaktlinsen sind hochgradig effizient und trotzdem weiterhin gut verträglich. Aber sie reinigen die Kontaktlinsen nach wie vor nicht durch einfaches „baden“ der Linsen über Nacht. Die korrekte Anwendung ist nach wie vor „easy“ – aber sie führt sich nun einmal nicht von selbst durch. Dies muß klar und deutlich vermittelt werden
  • Wählen Sie im Kontaktlinsengespräch eine dem „Gegenüber“ entsprechende Wortwahl und machen Sie kurze, einfache Sätze.
  • Visualisieren Sie das Gesagte, verwenden Sie Bilder, Bücher, Videos und geben Sie Broschüren mit – aber nicht querbeet über alles, sondern nur das zum Patienten und seinen Kontaktlinsen „passende“.
  • Lassen Sie sich – und dem Kontaktlinsenträger – Zeit, passen Sie Ihre Geschwindigkeit der Lerngeschwindigkeit des Endverbrauchers an. Unter Umständen müssen Sie sogar die „Lernabschnitte“ auf mehrere Termine verteilen – z.B. die Grundelemente der Handhabung und Pflege bei der Abgabe, Proteinreinigung und Verhalten bei „selteneren“ Komplikationen bei der erste Nachkontrolle
  • Bei den Nachkontrollen haben Sie die Möglichkeit allgemeine Informationen einzuholen, prüfen Sie das Auge und die Kontaktlinse und lassen sich die Pflegetechnik zeigen!

Der schleichende Ausstieg aus der Kontaktlinse kann in der mangelhaften Kontaktlinsenhygiene gesehen werden[24]. Die „Drop-Out“-Rate ließe sich somit durch eine konsequente Kontaktlinsenhygiene deutlich reduzieren. Voraussetzung ist hierfür die gewissenhafte Anleitung des Trägers durch den Kontaktlinsenanpasser – sowohl für den korrekten Umgang mit den Kontaktlinsen als auch die gezielte Auswahl und konkrete Benennung eines geeigneten Hygiene- und Pflegesystems. Man sollte sich ebenfalls nicht scheuen die manuelle Reinigung von Kontaktlinsen zu favorisieren, denn sie hat sich bewährt! Beispielsweise hat AMO dazu mit dem entsprechendem "Complete Easy Rub" ein passendes All-in-One-Produkt anzubieten. Darüber hinaus sollte die Kontaktlinse optimal konditioniert sein um ein zufriedenes Tragen den ganzen Tag zu ermöglichen. Eine gut konditionierte Kontaktlinse bedeutet für den Träger hervorragenden Tragekomfort über einen längeren Zeitraum hinweg und bedeutet somit sowohl für Anpasser und Träger Zufriedenheit mit seinen Kontaktlinsen.

Compliance und dauerhaftes zufriedenes Kontaktlinsentragen sind eng miteinander verknüpft. Eine gute Compliance seitens Kontaktlinsenanpassern und -trägern stellt die Grundlage für erfolgreiches Kontaktlinsentragen dar und vermeidet darüber hinaus auch den unerwünschten Ausstieg aus dem Tragen von Kontaktlinsen. Die wichtigen Voraussetzungen für weitestgehend komplikationsfreies Kontaktlinsentragen sind heute in den Fachkreisen bekannt. Zuweilen müssen die bewährten Techniken einfach nur wieder ausgegraben und dem Kontaktlinsenträger auch vermittelt werden. Dies mag vielleicht einen etwas größeren Aufwand darstellen – die Belohnung dafür wäre allerdings eine echte Revolution: Fallende Drop-Out-Raten und damit eine auch „netto“ steigende Anzahl zufriedener und glücklicher Kontaktlinsenträger. So hätten wir alle mehr davon!

Autor:
Dr. Martin Lauer
Lindenallee 5B
41751 Viersen / Dülken
Deutschland dr.lauer.auge@t-online.de http://www.augenaerzte-viersen.de

eMail: dr.lauer.auge@t-online.de
Web: http://www.augenaerzte-viersen.de

Referenzen:
[1] Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, Walter de Gruyter Verlag, 257. Auflage, 1994
[2] Scholtz, S., Compliance in der Kontaktlinsenpraxis, Hier sind Kontaktlinsenträger und Kontaktlinsenspezialisten gefragt, Kontaktlinsen-Guide 2005, 06/2005.
[3] Lay, R.: Führen durch das Wort. Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Reinbek 1981
[4] Cheng K.H., Leung S.L., Hoekman H-W., Beekhuis W.H., Mulder P.G. Geerads A.J., Kijlstra A., Incidence of contact lens associated microbial keratitis and ist related morbidity, Lancet, 1999, July
[5] Stapelton F., Dart J.K., Minassian D.: Risk factors with contact lens related suppurative keratitis, CLAO Journal, 1993, October
[6] Liesegang T.J., Contact lens-related microbial keratitis, Cornea, 1997, March
[7] Egger S.F., Wegwerflinsen und ihre Komplikationen, Wiener Medizinische Wochenschrift, 1997, 147
[8] Brewitt H., Kontaktlinsen, Infektionen und Hygiene, Ophthalmologe, 1997, Mai
[9] Dr. H. W. Roth, Zur Problematik der Konservierungsstoffe in Kontaktlinsenpflegemitteln, Der Augenspiegel, 6/88
[10] Roth, H.W., Zur Symptomatik und Therapie der Gigantopapillären Konjunktivitis, Der Augenspiegel, April 2000
[11] Radford C.F., Woodward E.G., Stapelton, F.: Contact Lens Hygiene Compliance in a University Population, J Br Contact Lens Assoc, 1993, 16
[12] Morgan J.F., Kontaktlinsenhygiene als bestimmender Faktor für die Compliance, Contactologia, 1993, 15D
[13] Schwartz, C.A., Convienience vs. Compliance: You still have to teach them, Rev. Optom., 1996, 133
[14] DurbanJ.J., Monteoliva-Sanchez M., Hita-Villaverde E., Ramos-Cormenzana A., Antimicrobial Efficacy of Hydrogel Contact Lens Soaking Solutions Marketed in Spain, Optom Vis Sci, Februar 1998
[15] Collins M.J., Carney L.G.: Patients compliance and izs influence on contact lens wearing problems, A. J. Optom. Physiol. Opt., 1986 December
[16] Gray T.B., Cursons R.T., Sherwan J.F., Rose P.R., Acanthamoebal, bacterial and fungal contamination of contact lens storage cases, British Journal of Ophthalmology, 1995, June
[17] Scholtz, Sibylle, (Hände-)Hygiene und ihre Relevanz für die Kontaktlinsenhygiene, Aktuelle Kontaktologie, Juni 2007.
[18] Turner F.D, Stein J.M., Sager P.D., Lunsford M.J., Keith D., Weiner B.: A new method to assess contact lens care compliance, CLAO Journal, 1993, 19
[19] Radford C.F., Woodward E.G., Stapelton, F.: Contact Lens Hygiene Compliance in a University Population, J Br Contact Lens Assoc, 1993, 16
[20] LowtherG.E.; Effect of some solutions on HGP contact lens parameters, J. Am. Optom. Assoc., 1987, 58
[21] Berke A., Blümle S.: Kontaktlinsenhygiene, Bode-Verlag, 1997
[22] Wilson L.A., Sawant, A.D., Ahearn, D.G., Comparative efficacies of soft Contact Lens disinfectant solutions against microbial films in lens cases, Arch. Ophthalmol., 109(8), 1991
[23] Sokol J.L., Mier M.G., Bloo, S., Asbell P.A.: A study of patient compliance in a contact lens wearing population, CLAO Journal, 1990 July/September
[24] Dr. H. W. Roth, Zur Problematik der Konservierungsstoffe in Kontaktlinsenpflegemitteln, Der Augenspiegel, 6/88

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