Fernsehen für Blinde und Sehbehinderte: ORF bietet Hörfilme an

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Ab sofort bietet der ORF erstmals ein Service, das den TV-Alltag für sehbehinderte und blinde Zuseherinnen und Zuseher von ORF-Programmen noch informativer und angenehmer machen soll. Der ORF strahlt nämlich einen Teil seines Spiel- und Fernsehfilmangebots als so genannte „Hörfilme“ aus. Das bedeutet, dass ein Film durch zusätzliche akustische Verstehenshilfen zielgruppengerecht aufbereitet wird.

Diese Audiodeskriptionen sind in Dialogpausen eingeschaltete knappe sprachliche Beschreibungen von Bildelementen und Bildfolgen des jeweiligen Films, deren Kenntnis für das Verstehen der Handlung bzw. für das Nachvollziehen von Atmosphärischem wichtig ist. Durch dieses international in Kino, Theater und TV bereits erprobte Verfahren wird der visuelle Gehalt des TV-Angebots für die rund 400.000 Sehbehinderten bzw. Blinden in Österreich auf dem für sie wahrnehmbaren Weg vermittelt. Ein Hörfilm wird im ORF am Schirm akustisch (mittels Signation) und visuell – durch Einblendung eines entsprechenden Logos – gekennzeichnet und im Zweikanalton-Verfahren ausgestrahlt.

Zum Beispiel werden die donnerstäglichen Folgen von "Ein Fall für zwei" als Hörfilme ausgestrahlt. Neben zahlreichen bereits verfügbaren Filmen, die ab nun ebenfalls als Hörfilme ausgestrahlt werden, wird der ORF zusätzlich vier eigen- bzw. koproduzierte Filme pro Jahr mit Audiodeskription versehen.

"Der ORF bietet nun dank Audiodeskription eine neue Möglichkeit für sehbehinderte und blinde Menschen in Österreich, das Film- und Serienangebot im ORF zu nutzen. Wir freuen uns, unser entsprechendes Service nun mit Hörfilmen noch weiter ausbauen zu können", so ORF-Generaldirektorin Dr. Monika Lindner.

ORF-Programmdirektor Dr. Reinhard Scolik verspricht: "Wir sind bemüht, unserem Publikum aus allen Genres eines attraktives Hörfilmprogramm zu bieten. Vom Freitagskrimi bis zur Hollywoodkomödie, vom österreichischen Film bis zum Artfilm sollen Hörfilme ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Programms werden. Gemeinsam mit den öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland ist uns eine sehr effiziente Form der Zusammenarbeit gelungen, die es uns ermöglicht, auf bereits bestehendes Hörfilmmaterial zuzugreifen, aber auch neue österreichische Hörfilmversionen nach Deutschland zu exportieren."

Wie können ORF-Hörfilme empfangen werden?

Hörfilme werden im ORF via Zweikanalton ausgestrahlt. Notwendig ist bei terrestrischem bzw. Kabelempfang ein Stereo-Fernsehgerät oder Stereo-Videorecorder, bei Satellitenempfang ein Stereo-Satellitenreceiver. Auf Spur 1 ist der normale Filmton ohne Audiodeskription, auf Spur 2 eine Mischung aus Filmton und Audiodeskription zu empfangen. Spur 2 kann bei den meisten Geräten über das On-Screen-Menü mit Hilfe der Fernbedienung des Fernsehgerätes/Videorekorders angewählt werden. Satelliten-Besitzer müssen den Tonkanal mit der Audiodeskription direkt am Receiver einstellen, Kunden eines Kabelanschlusses die Verfügbarkeit von Zweikanalton/Audiodeskription direkt bei ihrem Kabelbetreiber klären.

Gekennzeichnet werden Hörfilme im ORF zweifach: durch eine Kurzsignation vor Filmbeginn und durch Einblendung des entsprechenden Logos (ein abstrahiertes durchgestrichenes Auge).

Was ist Audiodeskription?

1975 wurde in den USA das Verfahren der Audiodeskription entwickelt. Mit Hilfe einer zusätzlichen akustischen Bildbeschreibung wird aus einem Film ein Hörfilm, den Sehbehinderte und Blinde "sehen" können. Visuelle Elemente eines Films wie Orte, Landschaften, Personen, Gestik, Kameraführung – alles, was zu sehen ist und was insbesondere für das Verständnis der Handlung und das ästhetische Erleben des Werkes wichtig ist – wird in Sprache umgesetzt. Der so entstandene Beschreibungstext ist in den Dialogpausen des Films zu hören. Auf diese Weise entsteht für den blinden und sehbehinderten Zuschauer ein ganzheitlicher Eindruck vom Filmgeschehen. Er erhält dadurch die Möglichkeit, sich das Medium ohne fremde Hilfe zugänglich zu machen und so am kulturellen Leben der Gesellschaft teilzunehmen. Das Prinzip der Audiodeskription wurde bisher für die Medien Theater, Film, Fernsehen, Video, DVD und Museum erforscht und angewendet. Weltweit wird es in verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Techniken verwendet.

Wie entsteht ein Hörfilm?

Die Bildbeschreibungen der Hörfilme werden von speziell ausgebildeten Filmbeschreibern getextet. Sehende und Blinde bzw. Sehbehinderte erarbeiten gemeinsam die Audiodeskription, die möglichst knapp und ausdrucksstark sein soll. Die Mitwirkung eines Nichtsehenden ist sehr wichtig, da es für Sehende oft nicht nachvollziehbar ist, welche Informationen ein Blinder einem komplexen akustischen Gefüge wie einer Tonspur entnimmt. In ein bis zwei Durchläufen wird der Film einer ersten Analyse unterzogen. Dabei werden u. a. folgende Fragen geklärt: Wie ist der Wechsel von Haupt- und Nebenhandlungsebenen? Gibt es Zeitsprünge, Rückblenden, Traumsequenzen? Welche Figuren, welche Orte müssen detailliert beschrieben werden? Wo ist dies möglich? Dann wird der Film Szene für Szene bearbeitet. Ständiges Verknappen der beschreibenden Texte gehört zu den wichtigsten Aufgaben, da die Lücken zwischen den Dialogen in der Regel nicht viel Platz für Einfügungen lassen und die Atmosphäre des Films erhalten bleiben soll. Die Audiodeskription wird dann im Tonstudio aufgenommen, mit der Originaltonspur abgemischt und auf die zweite Spur des Sendebandes kopiert.

Das Hörfilmangebot des ORF im Detail

Neben vier eigen- bzw. koproduzierten Filmen, die pro Jahr mit Audiodeskription versehen werden, stehen in den nächsten Monaten vorerst ein Freitagskrimi monatlich (jeweils Freitag, 20.15 Uhr, ORF 2), wöchentlich die Erfolgsserie "Ein Fall für zwei" (jeweils Donnerstag, 23.00 Uhr, ORF 2) sowie Spielfilme auf dem Programm. Zusätzlich demnächst als Hörfilme im ORF: Der Western "Alamo" am 28. April (Ö-Kinostart des Remakes Ende April) und Mai-Hits wie "Ein Fisch namens Wanda", "James Bond 007 – Goldfinger", "Arsen und Spitzenhäubchen" und "Interview mit einem Vampir".

Das Logo mit dem durchgestrichenen Auge ist in seiner Aussage vielleicht nicht ganz glücklich gelungen. Ein Sehbehinderter hat ja durchaus noch ein Restsehen und muss nicht auf sein Leiden mit einem durchgestrichenen Auge hingewiesen werden. Besser wäre ein positives Signal wie zum Beispiel ein Logo mit einem Ohr gewesen. Das neue Service ist jedoch ein gelungenes Signal für die seheingeschränkten Personen in Österreich.