Fertigbrillen müssen normgerechte Bedingungen erfüllen

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Fertigbrille

So einfach ist es ja mit den Fertigbrillen doch nicht. Diese vom Konsumenten beliebäugelten und von Fachleuten kritisch betrachteten, vorgefertigten Sehhilfen müssen in der europäischen Union gewisse Mindestanforderungen erfüllen. Diese Anforderungen sind für Österreich in der gültigen ÖNORM EN 14139 umgesetzt und geregelt. Besonders Augenoptiker und deren Lieferanten tun gut daran, die Inhalte dieser Norm zu beachten um mögliche Klagen und im schlimmsten Fall Folgekosten für Schäden die aus der Nichtbeachtung der Norm entstehen können zu verhindern.

Nur im Plusbereich bis maximal +3,50 dpt

Fertigbrillen dürfen nur als Einstärkenkorrektion in Pluswerten verkauft werden. Alle anderen Arten von Linsen, wie zum Beispiel Minusgläser, Bifokalgläser oder gar Gleitsichtgläser sind ohne die fachlich korrekte Verordnung und Anpassung durch einen Augenoptiker oder Augenfacharzt nicht erlaubt. Dies bekam in unserem nördlichen Nachbarland im Jahr 2002 eine Supermarktkette zu spüren, die wegen der Abgabe von Fertigbrillen mit negativem Scheitelbrechwert geklagt wurde (Bericht im optikum Archiv). Das Gericht folgte der Auffassung des Klägers, dass solche Sehhilfen Beschwerden verursachen können und stellte darüber hinaus sogar fest, dass die von der Supermarktkette in den Verkehr gebrachten Sehhilfen, die Sicherheit und die Gesundheit der Anwender sowie die Sicherheit Dritter auch bei sachgemäßer Anwendung und ihrer Zweckbestimmung entsprechender Verwendung über ein nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaften vertretbares Maß hinausgehend gefährden.

Im Gegensatz zu Korrektionsbrillen – deren Anfertigung laut § 98 der Gewerbeordnung den Augenoptikern vorenthalten ist – bedürfen Fertigbrillen keiner schriftlichen Verordnung durch einen Augenoptiker oder Augenfacharzt. Sie sind laut der ÖNORM EN 14139 jedoch nur für das Nahsehen und das Lesen vorgesehen und bestehen aus Einstärkenlinsen, die rechts und links den gleichen positiven sphärischen Dioptrienwert aufweisen müssen. Laut ÖNORM EN 14139 müssen die Fertigbrillen mindestens +1,00 und maximal +3,50 Dioptrien aufweisen. So sind Fertigbrillen mit +4,00 Dioptrien zum Beispiel nicht normgerecht und dürfen somit als Fertigbrillen nicht in den Verkehr gebracht werden.

Zentrierung und Pupillenabstand

Der Hersteller von Fertigbrillen kann die horizontale Zentrierung der Linsen nach seinen eigenen Vorstellungen umsetzen. Die optischen Mittelpunkte der beiden Linsen müssen dabei in der selben Höhe und gleich weit entfernt von der Fassungsmitte liegen. Auf der Fassung oder auf einem Anhänger beziehungsweise Aufkleber muss der verwendete Zentrierabstand in Millimetern angegeben sein.

Augenoptiker und Augenärzte legen die Gebrauchsdauer fest

Ein wesentlicher Punkt der ÖNORM EN 14139 ist, dass Fertigbrillen ohne Zustimmung eines Augenoptikers oder Augenfacharztes nicht für den regelmäßigen Gebrauch vorgesehen sind. Dies macht insofern Sinn, da nur der Augenspezialist eine Brillenglasbestimmung und Messung des Pupillenabstandes durchführen kann und in weiterer Folge die Abweichungen in der Zentrierung der Linsen und die Differenz zur Dioptrienstärke der Vollkorrektur bewerten kann. Somit verlässt sich die ÖNORM EN 14139 zu Recht auf Augenoptiker und Augenfachärzte betreffend der Einschätzung der sinnvollen maximalen Gebrauchsdauer einer bestimmten Fertigbrille für den jeweiligen Träger.

Verpflichtende Warnhinweise und Kennzeichnungen

Um die Konsumenten vor negativen Folgen zu bewahren, verpflichtet die ÖNORM EN 14139 beim in Verkehr bringen von Fertigbrillen bestimmte Warnhinweise und Kennzeichnungen zwingend anzubringen. So muss der Hersteller beziehungsweise der Handelsname und der Dioptrienwert auf der Fassung dauerhaft angebracht sein. Zusätzlich muss der horizontale Zentrierabstand in Millimeter entweder auf der Fassung oder auf einem Anhänger beziehungsweise Aufkleber ersichtlich sein.

Durchgestrichenes Auto

Neben dem Piktogramm eines durchgestrichenen Autos, muss ein Warnhinweis mit folgenden Inhalten angehängt oder aufgeklebt sein:

  • Nur zum Nahsehen und Lesen geeignet
  • Nur eine regelmäßige fachkundige Augenuntersuchung ermöglicht eine optimale Sehhilfe und überprüft die Gesundheit Ihrer Augen
  • Nicht beim Führen von Fahrzeugen gebrauchen
  • Nicht für das Sehen in die Ferne geeignet
  • Nicht als Augenschutzgerät gebrauchen

Rechtliche Konsequenzen

Was passiert aber nun wenn die Norm für Fertigbrillen bei einer vorgefertigten Sehhilfe nicht erfüllt ist? Faktum ist, dass eine vorgefertigte Brille nur dann eine Fertigbrille im Sinne der ÖNORM EN 14139 ist, wenn sie die darin enthaltenen Normen erfüllt. Erfüllt die vorgefertigte Brille die Anforderungen dieser Norm nicht, so darf sie als Fertigbrille erst einmal gar nicht in den Verkehr gebracht werden. Dies wird vor allem für Tankstellen, Drogeriemärkte, Apotheken, usw. von wesentlicher Bedeutung sein, da sie im Regelfall über keine Gewerbeberechtigung laut §98 GewO verfügen und damit – im Gegensatz zum Augenoptiker – keine Korrektionsbrillen verkaufen dürfen. Das Spektrum der Rechtssprechung kann in Zukunft von Entfernung der Ausschussware, widerrechtlich in Verkehr gebrachte Ware bis hin zu Schadenersatzforderungen und unbefugte Gewerbeausübung liegen. So sah zum Beispiel ein deutsches Gericht einen Verstoß gegen das Medizinproduktegesetz und dem Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb im Zusammenhang beim Verkauf von Fertigbrillen außerhalb der normzulässigen Dioptrienwirkungen. Auch ein 1999 auf § 1 UWG gestütztes OGH Urteil verurteilte ein Unternehmen, weil es eine Fertigbrille als nicht normgerecht vertrieb, obwohl das Unternehmen nicht die dazu nötige Gewerbeberechtigung eines Augenoptikers (§ 94 Z 64 GewO 1973 idF BGBl 1994/194) besaß. Die Urteilsbegründung stützte sich dabei darauf, dass eine Fertigbrille mit einer bestimmten Dioptrienstärke als Korrektionsbrille zu werten ist.

Check mit dem Fertigbrillenrechner

Laut der Norm ISO 21897:2009 müssen montierte Brillengläser unter anderem innerhalb einer horizontalen Einschleiftoleranz liegen. Ein wesentlicher Punkt der ÖNORM EN 14139 ist, dass Fertigbrillen ohne Zustimmung eines Augenoptikers oder Augenfacharztes nicht für den regelmäßigen Gebrauch vorgesehen sind. Der optikum Fertigbrillenrechner erleichtert Augenoptiker und Optometristen die Fertigungstoleranzen in ihre Überlegung mit einzubeziehen. Zudem sind jedoch auch unterschiedliche Pupillendistanzen zwischen dem rechten und dem linken Auge, unterschiedliche Dioptrienwerte der Vollkorrektur und mögliche vernachlässigte astigmatische Werte in die Einschätzung ob die jeweilige Person eine Fertigbrille regelmäßig gebrauchen kann miteinzubeziehen. Dieser Fertigbrillenrechner ersetzt deshalb NICHT die Beurteilung über den regelmäßigen Gebrauch durch einen Augenoptiker oder Optometristen.

=> Hier geht es zum FERTIGBRILLENRECHNER für Augenoptiker und Optometristen.