Historische Brillenabbildung in Vittore Carpaccio’s Tod des heiligen Hieronymus

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Historische Brillenabbildung in Vittore Carpaccio's Tod des heiligen Hieronymus

Vittore Carpaccio war ein bedeutender Maler und Zeichner der Frührenaissance in Venedig. Im Jahr 1502 entstand sein Werk „Tod des heiligen Hieronymus“, welches eine Brillenabbildung zeigt.

Das in der Scuola di San Giorgio degli Schiavoni in Venedig ausgestellte Bild zeigt trauernde Klosterbrüder, die mit Totenkerzen neben dem ausgezehrten am Boden liegenden Leib des 98jährig verstorbenen heiligen Hieronymus knien. Ihre Häupter sind in Andacht gesenkt.

Das in der Scuola di San Giorgio degli Schiavoni in Venedig ausgestellte Bild zeigt trauernde Klosterbrüder, die mit Totenkerzen neben dem ausgezehrten am Boden liegenden Leib des 98jährig verstorbenen heiligen Hieronymus knien

Rechts neben dem auf einem schmalen Proszenium aufgebahrten Hieronymus blickt ein greiser Mann – er wurde als Kardinal Bessarion identifiziert[1] – durch eine Brille in sein Gebetbuch. Während die seitliche Brillenabbildung wenig Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Brille ermöglicht, ist ein anderes Detail des Bildes von großem augenoptischen Geschichtsinteresse. So befindet sich eine der raren Abbildungen früher Brillenetuis am Gürtel von Kardinal Bessarion.

Im Jahr 1502 entstand sein Werk " Tod des heiligen Hieronymus", welches eine Brillenabbildung zeigt.

In der linken Bildhälfte ist der auf einen Stock gestützte Prior zu sehen, der als Zeichen der Trauer, einen dunkelvioletten Mantel trägt. Im Gegensatz zu Kardinal Bessarion verfügt er über keine Brille. Sichtbar tut er sich sehr schwer aus seinem Buch die Begrebnisrede zu lesen.

Die symbolisch angereicherte Bildersprache – so symbolisiert der im Hintergrund befindliche Ziehbrunnen die Taufe und damit den Quell des ewigen Lebens – zeigt, wie belesen und gebildet Carpaccio war. Carpaccio versteht sich in diesem Bildnis offenbar nicht mehr als Chronist, der eins zu eins abbilden muss, sondern als Schöpfer neuer Welten. Die Bildgestaltung hat exotische und phantastische Elemente. Trotzdem ist alles streng geometrisch angeordnet. So findet sich als Verlängerung der Bildachse – exakt zwischen den einzigen beiden Personen die frontal abgebildet sind – im Hintergrund ein riesiges Kirchenkreuz. Die nach links von der Bildsymmetrie abgebildete Palme ist etwa im goldenen Schnitt angeordnet, bekommt dadurch besonderes visuelles Gewicht und betont nach unten verlängert den Spalt zwischen den zwei Mönchen.

Die Venezianer hatten mit der Capitolare dell’arte dei cristalleri faktisch bereits um 1300 eine Zunftordnung zum Herstellen von Brillen. Der Verkauf und das Anbieten von gefälschten Glaswaren war strikt untersagt. In der Liste von Gütern befanden sich „rapides ad legendum“, Lesesteine zum Vergrößern von Text. Im Jahr 1317 wurde einem gewissen Francesco erlaubt „oglarios de votro“ in Venedig selbst herzustellen und zu verkaufen[2]. Der aufmerksame Vittore Carpaccio hat demnach 200 Jahre später ziemlich sicher die eine oder andere Brille selbst gesehen und der Schaffung seines Werkes vom Tod des heiligen Hieronymus integriert.

Zum Autor

Harald Belyus

Harald Belyus, MSc
ist seit 1983 in der augenoptischen Branche tätig,
Augenoptiker, Optometrist, Journalist, Unternehmensberater
und von der Geschichte der Brille fasziniert.

Quellen:

  1. Brucher, G. (2010). Geschichte der venezianischen Malerei. Band 2. Köln: Böhlau Verlag & Cie., pp.353-357.
  2. Ilardi, V. (2007). Renaissance vision from spectacles to telescopes. Philadelphia, Pa.: American Philosophical Soc., pp.8-10.