HOYA Kamingespräche – Die Welt aus einem anderen Blickwinkel

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Im Juli 2011 lud der internationale Brillenglaskonzern HOYA dreißig Personen zu einem Event mit dem Physiker und Astronaut Dr. Ulf Merbold in den Salzburger Hangar 7. Nach einem mitreißenden Vortrag zum Thema Raumfahrt und Sinnesorgane lud HOYA zu einem abendlichen, mehrgängigen und exzellenten Menü auf der Ikarus Terrasse im Hangar 7. Bei einem späten, gemeinsamen Frühstück konnten wir uns mit Ulf Merbold für das optikum zum Thema Augen und Raumfahrt unterhalten.

HOYA gibt Denkanstöße zu neuen Perspektiven

HOYA Geschäftsführer Oliver Fischbach erklärte bei der Begrüßung, warum er einen Astronauten zum ersten Kamingespräch nach Salzburg gebeten hatte. Verdrängungswettbewerb, Versand von Brillen über das Internet und andere Veränderungen am Markt machen es ab und zu sinnvoll einen Schritt auf die Seite zu gehen und das Ganze aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ein Mensch, der die ganze Welt aus einer ganz anderen Perspektive wahrgenommen hatte, sollte den versammelten Optikern seine Wahrnehmungen schildern und damit den einen oder anderen Denkanstoß zu strategischen Überlegungen liefern.

Im Seminarraum des Hangar 7 berichtete Astronaut, Physiker, Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und des russischen Ordens der Freundschaft über seine Arbeit und Eindrücke bei seinen drei Reisen in den Weltraumorbit. Als erster Nichtamerikaner war Merbold zum ersten Mal im Jahr 1983 am Bord des Space Shuttles Columbia und arbeitete 10 Tage lang unter anderem auch an Experimenten mit den Sinnesorganen unter Schwerelosigkeit. Sein Credo: „Die Raumfahrt verschiebt den Erfahrungshorizont der Menschheit“. Aber auch emotional hat die Raumfahrt den Physiker verändert. „Die globale Sicht aus 300 Kilometer auf die Erde verändert komplett die Sichtweise eines Menschen. Von da aus sieht man die Gesundheit und die Probleme der Erde. Von oben hat man einen ganz eigenen Blick auf Wälder und Gletscher. Über 6 Milliarden Menschen bürden unserer Erde zum Teil Vieles auf. Es ist bedrückend, wenn man nach ein Paar Jahren wieder in den Orbit fliegt und die negativen Veränderungen von Gletschern, Seen und Wäldern von dort oben sieht.“



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Merbold berichtete von der ungeheuren zeitlichen Disziplin die an Bord des Orbiters herrschen. Schließlich haben Wissenschaftler auf der Erde oftmals eine langjährige Vorlaufzeit für ein bestimmtes Experiment in der Schwerelosigkeit investiert. „Das Weltall hat als Labor Eigenschaften, die man auf der Erde nicht findet um neue Erkenntnisse zu erhalten“, erklärte Merbold. „So gibt es im All zum Beispiel Anteile des elektromagnetischen Spektrums wir Gammastrahlung, Röntgenstrahlung und UV-Strahlung, welche auf dem Weg zur Erdoberfläche ausgefiltert werden. Diese im Orbit vorhandenen Strahlungsanteile waren Bestandteil der Experimente.“

Medizinische Experimente – Augeninnendruck im Weltall

Auch medizinische Experimente waren Teil von Merbolds Arbeit im Orbit. „Das Immunsystem ist im Weltall schwächer als auf der Erde. Auch die Wirkung von Antibiotika ist im All geringer als auf der Erde. Die Venen wiederum sind an hydrostatischen Druck gewöhnt. Durch die Schwerelosigkeit im All wird die extrazelluläre Flüssigkeit im Körper verschoben. Die Verschiebung des Blutes bedeutet aufgedunsene Gesichter und sogenannte Hühnchenbeine.“ Merbold hat unter anderem auch an sich selbst immer wieder den Augendruck gemessen. Für dieses Experiment wurde eigens ein Tonometer konstruiert, mit dem er mechanisch seine Hornhaut applanieren und selbst ablesen konnte. Die Messungen führte er ohne Anästhetika an sich selbst durch. „Mein Augeninnendruck stieg im Weltall von 16mm/Hg auf 40mm/hg. Meine Messungen hatten Auswirkungen an neuen Erkenntnissen zur Physiologie.“

Desweiteren wurden bei Merbolds Einsätzen umfangreiche Untersuchungen des Vestibularorgans durchgeführt. „50 Prozent der Raumfahrer wird in den ersten Stunden schwindelig und übel. Der Zusammenhang ist, dass auf der Erde der Hauptsensor das Auge ist. Unter normalen Bedingungen bekommt das Gehirn Informationen vom Vestibularorgan und vom Auge. Im Welraum fällt jedoch die Funktion des Vestibularorgans aufgrund der Schwerelosigkeit aus. Die Anpassung des Gehirns dauert etwa 30 Stunden. Danach ist die Orientierung nur mehr rein optisch. Unangenehm ist, dass sich bei der Ankunft auf der Erde diese Anpassung neuerlich wiederholt.“.

Weitere medizinische Experimente betrafen die Erforschung des Nystagmus. „Wir haben Experimente zum kalorischen Nystagmus gemacht. Dabei wird in das eine Ohr kaltes und in das andere Ohr warmes Wasser eingefüllt und zugleich die Augen mit einer extrem starken Plusbrille als Nebelgläser versehen. Auf der Erdoberfläche löst diese Anordnung einen Nystagmus aus. Interessanterweise funktioniert dies auch im Weltall unter Schwerelosigkeit, wo das Vestibularorgan ja funktionslos ist.“

Gegen Ende seines Vortrages schilderte Merbold eindrucksvoll wie ein Space Shuttle Start abläuft und wie man die Tage und Nächte im Orbit erlebt: „Die Feststoffraketen haben einen 3000 Tonnen Schub und beschleunigen das Shuttle auf unglaubliche 28.000km/h. Im Gegensatz zu einer Autobeschleunigung nimmt dabei die Beschleunigung immer mehr zu. So wird man in nur acht Minuten auf 300km Höhe katapultiert. In der Umlaufbahn ist man mit 8km pro Sekunde unterwegs. Das bedeutet, dass der Sonnenuntergang 16x schneller als auf der Erde ist. Zudem funkeln die Sterne im Orbit nicht, da im Gegensatz zur Betrachtung von der Erdoberfläche keine Fluktuation im Brechungsindex durch die Atmosphäre stattfindet. In nur 1,5 Stunden umrundet man im Shuttle einmal die Erde. Das war so faszinierend, dass ich statt 8 stunden, maximal 5 Stunden geschlafen habe nur um dafür zwei weitere Orbits ansehen zu können.“

Gemeinsames Abendessen

Im Anschluss an Dr. Merbolds Vortrag erfreuten sich die geladenen Gäste an den Qualitäten von Küche und Keller auf der festlich gedeckten Ikarus Terrasse des Hangar 7. Dabei fand sich noch ausreichend Zeit um mit dem sehr geduldigen Wissenschaftler im kleineren Rahmen Gespräche zu führen und so noch persönliche Einblicke in Merbolds Arbeit im Orbit zu bekommen. Wir haben an diesen beiden Tagen tatsächlich einen neuen Blickwinkel bekommen.