Kontaktlinsen Know-How, ein Kompendium zum Thema Kontaktlinsenanpassung

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Kontaktlinsen_Know How

Zehn Schwergewichte der deutschsprachigen Optometrie haben gemeinsam mit Andrea Müller-Treiber ein neues Standardwerk zur Kontaktlinsenanpassung geschaffen, das im DOZ Verlag erschienen ist. Das 687 Seiten starke Kompendium „Kontaktlinsen Know-How“ ist in 22 Kapiteln strukturiert und gibt den Lesern ein umfassendes Wissen zum Thema Kontaktlinse weiter. Bilder und Videos auf der beiliegenden CD-ROM helfen das Gelesene zu vertiefen und die Inhalte noch besser zu verstehen.

Die Inspektion der Augenstrukturen mit Hilfe der Spaltlampe und die Messung der Hornhautgeometrie spielen eine zentrale Rolle bei der Anpassung von Kontaktlinsen. Die Autoren eröffnen deshalb das Buch „Kontaktlinsen Know-How“ mit dem Thema der unterschiedlichen Mess- und Untersuchungsmethoden. Diverse Beleuchtungsarten, Messungen und Vitalfärbemittel bilden den Bestandteil des 1. Kapitels. Im 2. Kapitel wird auf die unterschiedlichen Bauarten von Kontaktlinsen und deren Klassifikation Bezug genommen. Das 3. Kapitel gibt einen Überblick über grundlegende optische und physiologische Voraussetzungen in der Kontaktlinsenanpassung.

Übersicht über verschiedene Kontaktlinsenarten

Im 4. Kapitel werden die Eigenschaften und Kenngrößen von Kontaktlinsen erörtert. Dieser Buchteil ist eine aktualisierte und überarbeitete Version des Teils „Kontaktlinsenmaterialien“ aus dem 2006 im Konradin Verlag erschienenen Sonderdruck „Kontaktlinsen-Materialien, Hygiene, Pflegemittel“. Neben Wissenswerten zu Monomeren und Polymeren erhält der Leser Wissenswertes zu den Eigenschaften der Materialien wie Sauerstoffdurchlässigkeit, Benetzbarkeit, Ablagerungsneigung, Wassergehalt, mechanische Eigenschaften, Dichte, Porosität und Transmission. Auch findet sich eine auf das Wesentliche konzentrierte Abhandlung über die Einteilung und Bezeichnung von Kontaktlinsen nach der Norm EN ISO 18369-1. Diese Qualifizierung nimmt Bezug auf Wassergehalt, Ionizität, Fluorgehalt, Siliziumgehalt und Dk-Wert. Die EN ISO 18369-1 löst unter anderem die britische ACLM-Klassifizierung ab, die man an den Gattungsnamen „Filicon“ erkennt.

Pflege von Kontaktlinsen

Der Kontaktlinsenpflege und Hygiene ist das 5. Kapitel gewidmet. Sie stellt neben der erfolgreichen Anpassung die zweite Säule für ein unbeschwertes Kontaktlinsentragen dar. Sehr gut sind unterschiedliche Ablagerungen und deren Auswirkungen auf den Kontaktlinsenträger beschrieben. Die Darstellung in Wort und Bild macht das Identifizieren von der entsprechenden Ablagerung in der Praxis deutlich leichter. Auch werden normierte Prüfverfahren für die Desinfektionswirkung von Kontaktlinsenpflegemittel erörtert. In diesem Zusammenhang wird beschrieben, dass laut der EN ISO 18369-1 das Verfalldatum eines Kontaktlinsenpflegemittels so bestimmt ist, dass die Aufbrauchfrist auch mit dem Verfalldatum beginnen kann. Sehr gut aufgeschlüsselt sind die Inhaltsstoffe von Kontaktlinsenpflegemitteln. So erfährt man unter anderem zum Beispiel, dass das häufig angewandte Polyhexanid an Kontaktlinsenoberflächen anlagern und damit toxische oder allergische Reaktionen begünstigen kann. Auch weisen die Autoren auf das Risiko hin, dass durch Anlagerungen die Konzentration des jeweils verwendeten Konservierungsstoffes und dadurch wiederum seine antimikrobielle Wirksamkeit im Behälter selbst deutlich abnehmen kann. Dieses Faktum unterstreicht die Notwendigkeit Kontaktlinsenträger zum täglichen Wechsel der Aufbewahrungslösung im Behälter nachträglich anzuhalten.

Besonders ausführlich: Leitfaden zur Anpassung von formstabilen und hydrogelen Kontaktlinsen

Im 6. Kapitel geht es dann zur Sache mit der Anpassung von formstabilen Kontaktlinsen. Die Autoren geben dabei mathematische Anpassregeln zur Ermittelung der ersten Anpasskontaktlinse. Diese Faustformeln können vor allem wenig erfahrenen Hartlinsenanpassern eine gute Entscheidungshilfe darstellen. Desweiteren zeigen die Autoren anhand von Rechenmodellen über die Brillenkorrektur und Tränenlinse den zu erwarteten Hauptschnittwert einer formstabilen Kontaktlinse am Auge. Im Folgenden finden sich Vorschläge zur Dokumentation des Sitzverhaltens einer formstabilen Kontaktlinse. Das 7. Kapitel erläutert die Anpassung und Qualitätskontrolle von hydrogelen Kontaktlinsen. Bezug nehmend auf die EN ISO 18369-2 sind tabellarisch Grenzabweichungen angeführt. Nach einer Übersicht über gängige Messmethodiken für hydrogele Kontaktlinsen geben die Autoren Ratschläge zur Anpassung eben solcher. In diesem Zusammenhang warnen die Autoren einmal ermittelte Parameter einer Hydrogelkontaktlinse auf einen anderen Typ zu übernehmen. Dies ist insofern fahrlässig, da die Bewegung einer weichen Kontaktlinse neben der Auflage auch von spezifischen Eigenschaften wie Steifigkeit und Querschnittsform abhängig ist. Zudem ist der Sitz einer weichen Kontaktlinse vom Hydratationszustand abhängig und muss ebenfalls bei der Anpassung oder beim Wechsel auf ein anderes Kontaktlinsenmaterial berücksichtigt werden. Praktisch ist die Tabelle mit verschiedenen Tauschsystemen und deren Scheiteltiefen. Dies ist insofern nützlich, da die weichen Kontaktlinsen nicht nur die Hornhaut, sondern auch den Limbus und Teile der bulbären Bindehaut bedecken. Der Radius der optischen Zone einer weichen Kontaktlinse ist für die Auswahl einer weichen Kontaktlinse deshalb weniger aussagekräftig wie die Scheiteltiefe der Kontaktlinse. Die Scheiteltiefe wird jedoch von den wenigsten Herstellern angegeben. In diesem Zusammenhang empfehlen die Autoren je nach beobachteten Corneoskleralprofil (CSP) die Anpassung sphärisch einkurviger, asphärischer, zweikurviger oder mehrkurviger Geometrien mit ja nach Fall steileren oder flacheren Radien und unterschiedlicher Gesamtdurchmessertendenz. Eine durch Organigramme unterstützte Abhandlung führt zudem in die Anpassung hydrogeler, torischer Kontaktlinsen ein. Der Leser findet summa summarum in diesem Kapitel eine sehr umfangreiche Anleitung zur Anpassung hydrogeler Kontaktlinsen, die auch oder gerade bei Tauschsystemen angewandt werden soll.

Das kurz gehaltene 8. Kapitel informiert über die Herstellung und Nachbearbeitung von Kontaktlinsen. Aufschlussreich für die beratende Tätigkeit ist das 9. Kapitel, welches über die Besonderheiten beim Wechsel von Brillen zu Kontaktlinsen informiert. Neben den Veränderungen bei Bildgröße, Gesichtsfeld, Blickfeld und Konvergenz, wird der unterschiedliche Akkommodationsaufwand beim Umstieg von der Brille zu Kontaktlinsen erklärt. Das 10. und 11. Kapitel geben eine Übersicht über den prinzipiellen Ablauf einer Kontaktlinsenanpassung und der Nachkontrollen.

Was tun bei Komplikationen?

Ausführlich werden im 12. Kapitel mögliche Komplikationen bei Kontaktlinsenanpassungen behandelt. Zur Dokumentation von Befunden werden einschlägige grading scales empfohlen. Am Ende des detaillierten Kapitels sind unterschiedliche Symptome und deren möglichen Auslöser strukturiert zur Hilfe der Ursachenfindung aufgelistet. Das 13. Kapitel befasst sich mit der Anpassung formstabiler, torischer Kontaktlinsen. Die Bestimmung der Rezeptdaten wird einmal mehr durch gut verständliche, tabellarische Rechenmodelle anschaulich gemacht.

Anpasserfolg mit Mehrstärkenkontaktlinsen

Auf die hierzulande signifikante Alterspyramide geht Kapitel 14 mit der Anpassung von Kontaktlinsen bei Presbyopie ein. Die Autoren geben nützliche Anleitungen zur Anpassung hydrogeler und formstabiler Mehrstärken-Kontaktlinsen. Hilfreich ist die tabellarische Auflistung möglicher Probleme und deren Management.

Spezialfälle in der Kontaktlinsenanpassung

Kapitel 15 und 16 geben eine Einführung in die Anpassung von Kontaktlinsen bei einem Keratokonus und nach chirurgischen Eingriffen an der Hornhaut. Die Kapitel 17 und 18 befassen sich mit dem verlängerten Tragen von Kontaktlinsen und mit Orthokeratologie. Beim Tragen von Kontaktlinsen mit geschlossenen Lidern fordern Harvitt und Bonanno einen Dk/t-Wert von mindestens 125×10-9 um keine Beeinträchtigungen der stromalen Sauerstoffversorgung auftreten zu lassen. In diesem Zusammenhang empfehlen die Autoren eine morgendliche Selbstbeobachtung des vT-Kontaktlinsenträgers inklusive einer täglichen Dokumentation mittels drei Schlüsselfragen. Eine Übersicht über mögliche Komplikationen beim vT-Kontaktlinsentragen komplettieren dieses Kapitel.

Orthokeratologie ist eine Alternative zum Tragen der Kontaktlinsen während der Wachphase. Die Autoren gehen von einer guten Prognose im Bereich von -0,75 bis -4,00 Dioptrien aus. Der Leser erhält eine Anleitung zur derzeit gängigen beschleunigten Orthokeratologie. Aufgrund der mittlerweile guten Ergebnisse gelang es dem Schweizer Optikverband mit dem für Straßenverkehr zuständigen Amt eine Vereinbarung zu treffen, dass der Kontaktlinsenoptiker dem Ortho-K Träger eine Bescheinigung über das Übernachttragen von Ortho-K Kontaktlinsen zum Lenken von Kraftfahrzeugen ausstellen darf. Dieses Dokument ist jeweils für sechs Monate gültig. In Österreich und Deutschland steht diese kontaktlinsenträgerfreundliche Lösung leider noch aus.

Sportler und Kinder

Spezielle Personengruppen wie Sportler und Kinder werden in den Kapiteln 19 und 20 betrachtet. Sportler fordern neben einer sehr hohen Sehschärfe auch einen überdurchschnittlich sicheren Sitz der Kontaktlinsen auch bei extremen Bedingungen. Die Autoren beleuchten die empfohlenen Kontaktlinsentypen und geänderte Anpasskriterien für bestimmte Sportarten.

Die Kontaktlinsenanpassung bei Kindern erfordert ein adäquates Wissen und eine ausreichende Erfahrung. Es erfolgt eine Differenzierung zwischen drei Altersklassen, die Betrachtung des zu wählenden Kontaktlinsenmaterials und Hinweise bei Spezialversorgungen, wie zum Beispiel bei einem Nystagmus. Zu guter Letzt finden sich im 21. Kapitel noch Tipps zur Anpassung von farbigen Kontaktlinsen. Im letzten – dem 22. Kapitel – sind Ratschläge zur Kommunikation in der Kontaktlinsenanpassung zusammengefasst.

CD-ROM

Dem Buch ist eine CD-ROM beigelegt, die mit zahlreichen Bildern und Videos bestückt ist. Dies veranschaulicht und vertieft die Inhalte des Gelesenen auf zeitgemäße Art und Weise. Auch finden sich auf der CD-ROM weitere Fallbeispielen mit Hinweisen zu strategischen Problemlösungen und Demo Programme für den Oculus Keratograph mit Fluoreszeinbildsimulation und dem Hecht Anpassmodul zur selbstständigen Simulation der Anpassung formstabiler Kontaktlinsen mit Hilfe von Fallbeispielen.

Fazit

Das neue 687 Seiten starke Kompendium „Kontaktlinsen Know-How“ hat das Zeug zu einem deutschsprachigen Standardwerk für Kontaktlinsenoptiker. Es ist insofern bestechend, da es in seiner Wortwahl und Struktur sowohl für den noch unerfahrenen als auch dem erfahrenen Kontaktlinsenanpasser ein wertvolles Werkzeug zum Nachschlagen und Einlesen in die komplexe Materie bietet. Das im DOZ Verlag erschienene Buch kostet 79,90 Euro und kann bequem online bestellt werden.