Neu im DOZ Verlag: Kontaktlinsenanpassung bei irregulären Hornhautformen

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Die Anpassung bei irregulären Hornhautformen, wie zum Beispiel bei einem Keratokonus, nach einer Keratoplastik oder nach refraktiv, chirurgisch behandelten Augen, stellen eine Herausforderung für den Kontaktlinsenanpasser dar. Die Autoren Gustav Pöltner, Andreas Berke, Christoph Berke, Imre Kovats und Sven Reisdorf haben ihr Wissen und Erfahrungen in einen neu im DOZ-Verlag erschienen Fachbuch subsumiert. Zwölf Kapitel auf 480 Seiten inklusive einer DVD mit Anpassfällen machen das Buch „Kontaktlinsenanpassung bei irregulären Hornhautformen“ zu einer bemerkenswerten Neuerscheinung in der optometrischen Fachliteratur.

Kontaktlinsengeschichte und biologische Grundlagen

Nach einem Abriss über historischen Details zur Geschichte der Kontaktlinsen wird der Leser mit biologischen Grundlagen zum Keratokonus auf die weitere Lektüre eingestimmt. Der mögliche genetische Hintergrund wird ebenso wie die Zusammenhänge mit systemischen Erkrankungen und sonstigen äußeren Einflüssen beleuchtet. Im weiteren erhält der Leser die Grundlagen zur Biomechanik der Hornhaut – wie zum Beispiel Veränderungen der Kollagenanordnungen im Stroma – erklärt.

Ursachen irregulärer Hornhautformen

In einem weiteren Kapitel werden systematisch unterschiedliche Erscheinungsformen irregulärer Hornhäute aufgezeigt. Allen voran erklärt der Autor die Erscheinungsformen eines Keratokonus mit den dazu signifikanten Hornhautveränderungen, Spaltlampenqualifizierungen, Qualifizierung in Stadien, Ausprägungen und Einteilung nach unterschiedlichen Keratokonus-Typen. In der Folge werden irreguläre Erscheinungsformen wie ein Keratoglobus und eine pellucide marginale Degeneration (PMD) vorgestellt. Veranschaulicht werden auch therapeutische Optionen wie das Corneal Cross Linking (CXL), das Topography-guided Customized Ablation Treatment (TCAT), das Keraflex Verfahren (KXL), intracorneale Ringsegmente (ICRS) und die Sanierung mittels einer Keratoplastik. Der Autor weist unter anderem hin, dass ein Corneal Cross Linking eher in frühen Stadien erfolgen sollte und dass 45% aller Hornhauttransplantationen aufgrund eines Keratokonus erfolgen. Komplettiert wird die Übersicht mit Informationen zur perforierenden Keratoplastik (PRK).

Laut einer Studie von Zalentein et al., erfüllt sich die Erwartung nach refraktiver Chirurgie nie wieder ein Brille oder Kontaktlinse zu benötigen in bis zu 30% aller Patienten nicht. Im weiteren verweist der Autor auf Studien, welche unerwünschte postoperative Wirkungen nach refraktiver Chirurgie zum Thema haben. Interessant ist, dass durchwegs häufig auftretende Erscheinungen, wie ein postoperativ trockenes Auge, verminderte Kontrastempfindlichkeit und eine erhöhte Blendungsempfindlichkeit nicht von allen Studien zu den Komplikationen gezählt werden.

Die Messtechnik – wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Anpassung

Die mit Sicherheit wichtigste Messung zur Auswahl der Geometrie einer Kontaktlinse für irreguläre Hornhäute ist die Bestimmung der Hornhautform mittels Topographie. In diesem Zusammenhang erklärt der Autor verschiedene Messverfahren, wie zum Beispiel die Sagittalradienmessung nach Wilms (SRM), das Toptestverfahren nach Wilms (TTV), die Begutachtung mittels Placidoscheibe, die Videokeratoskopie und deren Auswertungsalgorithmen. Wiewohl die computerunterstütze Anpassung Erleichterungen bringt, empfiehlt der Autor nachhaltig bei jeder RGP-Kontaktlinsenanpassung den Sitz mittels eines Fluoresceinbildes zu evaluieren.

Scheimpflug-Systeme sind ursprünglich nicht zur Kontaktlinsenanpassung entwickelt worden. Dennoch sind sie mittlerweile interessant für die optometrische Messung. Mit dieser Messmethodik erhält man nämlich echte Höhenwerte unter Ignoranz des Tränenfilms. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass gerade für irreguläre Hornhaute und bei Ortho-K Anpassungen eine Dickenmessung der Cornea durchgeführt werden kann. Imre Kovats erklärt die praktische Anwendung und Auswertung am Beispiel der Pentacam.

Auch der Einsatz optischer Kohärenz-Tomographen (OCT) können beim Anpassen von Kontaktlinsen auf irreguläre Hornhäute aufgrund der ausgesprochen hohen Bildqualität Besonderheiten aufzeigen. Ein Keratokonus bzw. eine Keratoplastik können mittels dieser Instrumente noch besser als mit herkömmlichen Mitteln beurteilt werden.

Korrektionsmöglichkeiten bei einem Keratokonus und anderen Hornhaut-Irregularitäten

Der Autor empfiehlt die Korrektion eines Keratokonus mittels Brille nur bis zu einem Vcc ≥ 0,40. Liegt der Visus > 0,70, so führt die Brille auch im Straßenverkehr zu einer vertretbaren, visuellen Leistung. Einmal mehr weist der Autor auf die Möglichkeit eines Corneal Cross Linking (CXL) hin. Im Weiteren wird die optimale Beschaffenheit einer Brille betrachtet. Kriterien für eine Brillen- oder Kontaktlinsenkorrektur werden erörtert. Laut einer vom Autor im Jahr 2010 durchgeführten Studie über 123 Keratokonus-Augen, erfuhren in allen Fällen die Träger von Keratokonus-Kontaktlinsen eine signifikante Visussteigerung im Vergleich zu Brillenkorrektur.

Extrem ausführlich werden unterschiedliche Anpaßstrategien nebst deren Vor- und Nachteilen vorgestellt. In diesem Zusammenhang werden konkret Kontaktlinsen-Geometrien der am Markt agierenden Hersteller von Keratokonuskontaktlinsen analysiert. Umfassendes Fotomaterial – inklusive vieler Fluobilder – helfen beim Verständnis der differierenden Anpaßphilosophien.

Nach den Ausführungen zum Keratokonus werden Kontaktlinsenversorgungen nach einem Corneal Cross Linking (CXL), bei einem Keratoglobus, einer pelluciden marginalen Degeneration (PMD), bei oblongen Hornhautgeometrien, nach refraktiv-chirurgischen Eingriffen und nach perforierenden Verletzungen vorgestellt.

Management der Probelinsen und psychologische Aspekte

Bei der Anpassung von solchen Spezialkontaktlinsen stellt sich die Frage, ob die Pflege eines eigenen Probelinsenlagers lohnt. Diskutiert werden Lagerstrategien und deren Alternativen. Imre Kovats beleuchtet im folgendem die psychologischen Faktoren beim Umgang mit Klienten bei der Keratokonuslinsen-Anpassung. Dieses kurze Kapitel ist ein durchwegs interessanter Abschnitt des vorliegenden Werkes und zeigt mögliche stressmindernde Verhaltensweisen des Optometristen oder Kontaktlinsenoptikers in der Behandlung von Keratokonusklienten.

Dokumentation und Problem-Management

Bei der Anpassung von Kontaktlinsen auf irreguläre Hornhäute ergeben sich einige Besonderheiten in der Dokumentation. So werden international übliche Terminologie und Gradings aufgelistet. Im Kapitel Problemmanagement werden Lösungen bei mechanischen Beeinträchtigungen, Trockenheitsveränderungen, Veränderung des vorderen Augenabschnitts, visuelle Probleme und bedrohliche Infektionsarten vorgestellt. Desweiteren wird der Kontakt mit Leitungswasser mit formstabilen Kontaktlinsen diskutiert und aufgezeigt, warum davon nachhaltig abzuraten ist. Zudem ist in der ISO 11978 geregelt, dass „im Beipackzettel“ von Kontaktlinsen ein Hinweis über die Nichtverwendung von Leitungswasser bei Kontaktlinsen und deren Behälter stehen muss. Das Kapitel Problemmanagement wird mit dem Aufzeigen unterschiedlicher Möglichkeiten zur Nachbearbeitung von Kontaktlinsen für irreguläre Hornhäute ergänzt.

Mathematik und Physik: die Zerninke-Polynome

Die Darstellung von Wellenfrontaberrationen, Hornhauttopographien und Refraktionsfehler kann durch Zernike-Polynome erfolgen. Sie helfen um Aussagen über die optische Qualität bzw. die Topographie des gemessenen Systems zu bekommen. In diesem Kapitel wird das Verständnis komplexer mathematischer Zusammenhänge und damit der Umgang mit Gleichungen und Winkelfunktionen vorausgesetzt. Ein autodidaktisches Erlernen mit Hilfe des hier besprochenen Buchteils erscheint etwas schwierig. Zum späteren Nachschlagen um in der Ausbildung Gelerntes nochmals zu vertiefen ist dieser Buchteil möglicherweise eine gute Ergänzung.

Hornhautdystrophien

Dystrophien sind hereditäre Erkrankungen der Hornhaut, die oft bereits im Kindesalter auftreten. Andreas Berke erklärt am Ende des Werks zur Kontaktlinsenanpassung bei irrägulären Hornhäuten unterschiedliche Dystrophien des Epithels, des Stromas, hintere Dystrophien und ektatische Dystrophien. Ein Literatur- und ein Sachwortverzeichnis komplettieren das Lehrbuch.

Fazit

Gustav Pöltner’s Lehrbuch zur Kontaktlinsenanpassung bei irregulären Hornhautformen spiegelt den enormen Erfahrungsschatz und seine Liebe zur Optometrie. Es hat alle Voraussetzungen zu einem Standardlehrbuch sowohl für Optometrie-Studierende und Anfänger im Bereich der Keratokonusanpassung, als auch als Nachschlagebuch für erfahrene Kontaktlinsenanpasser bei komplizierten Fällen zu avancieren. Eine CD-ROM mit Bildmaterial und Videos vertiefen die Inhalte des Buches.

Das 480 Seiten starke Lehrbuch „Kontaktlinsenanpassung bei irregulären Hornhautformen“ ist im DOZ Verlag erschienen, kostet € 79,90 und kann hier bequem online bestellt werden.