Silhouette Chef-Designer Roland Keplinger und Rupert Spindelbalker, Leiter Forschung & Entwicklung, über Design als Prozess, die Bedeutung intelligenter Materialien, die Entwicklung von Hightech-Lösungen und deren Integration in ein Design, das immer wieder aufs Neue überzeugt: minimalistisch, hochfunktional, ästhetisch und emotional anspruchsvoll. Wie die aktuelle SPX Signia.
Silhouette steht für ein Grundprinzip von Design: Reduktion. Worin besteht die Herausforderung der minimalistischen Gestaltung einer Brille?
Ganz klar: in der Kunst, sich auf das Wesentliche zu beschränken und am Ende dieses Denkprozesses die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und dann brauchen alle Beteiligten – der Unternehmer, der Designer und der Techniker – den Mut, den ersten oder auch nächsten Schritt zu tun. Ein relativ kleines Produkt mit wenig Fläche und geringem Volumen in eine noch einfachere und funktionalere Zukunft zu führen. Silhouette gelang dieser Schritt erstmals mit der Titan Minimal Art auf revolutionäre Weise. Wir stellen uns dieser Herausforderung tagtäglich. Und implementieren diese Grundhaltung in jedes neue Brillenmodell.
Was macht das Produkt Brille für den Designer Roland Keplinger so interessant?
Es ist das Erkennen, dass schon mit minimalsten Änderungen überzeugende Wirkungen zu erzielen sind – etwas, das ich am Beginn meiner Tätigkeit nicht für möglich gehalten hätte. So bewirkt ein größerer oder kleinerer Radius der Scheibenformen im Gesicht des Trägers, der Trägerin extrem viel. Durch zum Teil nur unwesentliche Veränderungen am Bügel können sich viele Möglichkeiten für das Gesamt-Design einer Brille eröffnen. Und genau diese Nuancen herauszufeilen, ist das Spannende am Brillendesign: Auch wenn man schon die tausendste Brille gezeichnet hat, erneut an einem Punkt anzukommen, an dem man erkennt, dass es noch immer Möglichkeiten zur Veränderung, zur Verbesserung gibt.
Unterliegen alle Teile einer Brille dem Designprozess?
Im Designprozess geht es immer um die Brille in ihrer Gesamtheit. Kein Teil ist davon ausgenommen. Es beginnt mit der Form der Scheiben, dem wichtigen frontalen Blick nach vorne. Es geht weiter über die Backen, die Bügel bis hin zu den Nasenpads. Dies sind jene wesentlichen Brillenelemente, an denen die formale Qualität sichtbar und – da wir Brillen direkt am Körper tragen – auch fühlbar, erlebbar sein muss. Und hier unterscheiden sich dann auch gute von schlechten Designs.
Woran erkennt man gutes Brillendesign?
Das Design unserer Zeit ist in der Regel schlicht und funktional, ohne unnötige Schnörkel. Das Prädikat „gut“ trägt es aber erst dann zu Recht, wenn – wie im Fall von Silhouette – das minimalistische Brillendesign einen hohen ästhetischen Anspruch sowohl mit intelligenter, innovativer Materialität und ebensolchen technologischen Entwicklungen, als auch bestem Tragekomfort verbindet. Und last but not least erkennt man gutes Design auch daran, dass es Bestand hat. Eine gute Brille gefällt nicht nur heute, sondern auch morgen.
Roland Keplinger, Sie sind seit 2012 Leiter der Designabteilung von Silhouette. Davor haben Sie bereits einige Jahre als Industrie-Designer für verschiedene Unternehmen gearbeitet. Gibt es Unterschiede im Gestaltungsprozess von Brillen – im Vergleich zu anderen Industrieprodukten?
Allgemein gesprochen: nein. Es gibt in der Qualität der Ansprüche, dem Procedere keine eklatanten Unterschiede. Detailgenaues Arbeiten oder die Ausgewogenheit von Proportionen sind elementare Eckdaten eines Regelwerkes, das – zugeschnitten auf das jeweilige Produkt – für jeden Designprozess gilt. Für ein Auto ebenso wie für eine Waschmaschine oder einen Schlagbohrer. Bei Produkten, die so nahe und direkt am Menschen sind wie Brillen, ist der Anspruch naturgemäß noch um ein Vielfaches höher. In puncto Materialität, Funktionalität, Komfort und vor allem wohl auch in Bezug auf Ästhetik und Emotionalität.
Wie lange dauert der Designprozess, die Entwicklungsarbeit einer Brille und welches sind die entscheidenden Schritte?
Auf die Frage nach der Entwicklungszeit gibt es keine allgemeingültige Antwort. Sie hängt ganz wesentlich von der Komplexität der Aufgabenstellung und den technischen Detailfragen ab. Der Grundentwurf zur randlosen SPX Signia ist beispielsweise relativ schnell entstanden – in ein oder zwei Tagen (gezeichnet wird entweder von Hand oder am Computer). Davor sind jedoch die Ziele klar zu definieren, die man erreichen will: eine Brille für welche Altersgruppe, in welchem Segment, sportlich oder elegant … Danach wird damit begonnen, Modelle zu bauen und nach zirka zwei Wochen hat man den ersten Prototypen in der Hand. Erst ab hier beginnt man mit dem Feintuning, dem Herausarbeiten detaillierter Abstimmungen…
Passiert das alles im Austausch zwischen Designabteilung und der Abteilung für Forschung und Entwicklung, Rupert Spindelbalker?
Nein, die Feinabstimmung ist Sache der Designabteilung. Wir sind dann gefordert, wenn es um technische Lösungen geht, um Neuerungen bei Funktionen, Scharnieren, dem Bügelaufbau oder der Glasbefestigung. Also wenn aufgrund der Designidee in einem Bereich besondere Elastizität oder spezifische Materialien gefordert sind – wie beim Bügel der SPX Signia, bei dem aufgrund der besonderen Farbgestaltung und der teilweisen Metallisierung ein dafür geeigneter Polymer-Mix benötigt wurde.
Kurz: Dem Designprozess lässt sich kein zeitliches Korsett anlegen. Kann man aber feststellen, wer den ersten Schritt setzt, die Technik oder der Designer, Rupert Spindelbalker?
Nein, auch hier kommt es darauf an, wovon wir ausgehen und wie das Ziel definiert ist. Wenn es um die Erweiterung einer bestehenden Brillen-Familie geht, können wir über weite Bereiche auf Bestehendes und Bewährtes zurückgreifen – im Gegensatz zu etwas komplett Neuem. Roland Keplinger ergänzt: Und dann entscheidet der Ansatz – einmal ist es ein neues Scharnier, dann ist die Technik am Zug. Sie entwickelt mit der entsprechenden Lösung die Basis, auf welcher das neue Modell aufbaut. Wenn es um einen neuen, gestalterischen Ansatz geht, sind unsere Ideen der Ausgangspunkt für die Entwicklung des Brillenmodells. Am Ende muss aber immer eine minimalistische, emotional und ästhetisch anspruchsvolle und hochfunktionale Brille stehen.
Design passiert immer in einem gesellschaftlichen Kontext. Wie beeinflussen Zeitgeist und Trends das Design von Brillen, Roland Keplinger?
Mode, Architektur, alles was in der Welt des klassischen Produktdesigns stattfindet, ist für uns Inspiration. Wobei es für Silhouette von zentraler Bedeutung ist, zeitgeistiges wie zeitloses Design auf den Markt zu bringen. Brillen, die Zeitlosigkeit als sensitiven und funktionalen Minimalismus definieren und einen großen Spielraum für Emotionen und Individualität ihrer Trägerinnen und Träger lassen.
Stellt man an die eigenen Entwürfe besondere Ansprüche, beurteilt man sie kritischer?
Wer (selbst)kritisch an die Sache herangeht, wird auch beim besten Produkt retrospektiv immer wieder das eine oder andere Detail finden, bei dem noch etwas mehr möglich gewesen wäre. Diese Einsicht halte ich ebenso für sehr wichtig, wie ich davon überzeugt bin, dass jedes Ding, jedes Produkt seine (Hoch-)Zeit hat. Aber darüber hinaus gilt unmissverständlich: je langlebiger, desto besser und gelungener – und desto lieber betrachtet man natürlich auch seine eigenen Entwürfe, selbst zehn Jahre später…
Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft tun. Rupert Spindelbalker, wie realistisch ist es, dass neue, intelligente Materialien das Brillendesign abermals in einem ähnlichen Maß revolutionieren, wie es Silhouette mit der Titan Minimal Art, also mit Hightech-Titan und SPX+, schon einmal gelungen ist – und welches Material könnte das sein?
Ich kann hier doch keine Geheimnisse ausplaudern! (lacht). Jetzt aber ernsthaft: Ich kann darauf nur antworten, dass wir gegenwärtig mit den innovativsten und intelligentesten Materialien arbeiten. Natürlich suchen wir ständig nach Neuem. Alles andere wäre ja Stillstand. Es macht immer Sinn, über neue Kombinationen von Hightech-Titan, SPX+ und einem „Material X“ nachzudenken – ein Mix, den es bisher noch nicht gibt und der uns möglicherweise vollkommen neue Kreationen erlaubt. Aber nicht jedes Material, und habe es isoliert betrachtet noch so faszinierende Eigenschaften, kommt für unseren Designansatz infrage. Kurz: Wir bleiben auch hier radikal kompromisslos – zugunsten des bestmöglichen Ergebnisses. Und wenn wir hier das Schlüsselwort „Integration“ verwenden, denken wir nicht daran, etwas hinzuzufügen, sondern technische Lösungen für eine noch minimalistischere Gestaltung zu finden. Das leben wir wirklich exzessiv und mit überzeugenden Ergebnissen. Wir haben alles Denkmögliche in unser Design integriert – wie etwa das Scharnier. In seiner Funktion maximal optimiert, ist es in seiner reduziertesten Form nicht mehr sichtbar, nur mehr fühlbar. Bei der Befestigung der Gläser und vielen anderen Dingen sehe ich noch Potenzial… Roland Keplinger: Entscheidende formale Neuerung wird es nur über innovative technische Schritte geben. Sie sind quasi der Treibstoff, der die Form voranbringt. Vielmehr Es ist die Detailverliebtheit, die uns immer wieder auf neue zündende Ideen bringt.

Subtile Übergänge konvexer und konkaver Flächen, sanft fließende Linien und feine Details bestimmen das neue Brillenmodell Silhouette SPX Signia
Je reduzierter also die Formen sein sollen, desto höher werden die technischen Anforderungen und umso tiefer der Designprozess, Roland Keplinger?
Genau das meinen wir mit Integration: Alles Wesentliche ist vorhanden und funktioniert perfekt. Nur unsichtbar, ins Minimalistische reduziert. Rupert Spindelbalker: Man könnte es auch so formulieren: Wir arbeiten an der Ganzheitlichkeit des Wesentlichen, des reduzierten Wesentlichen.
Der Name der SPX Signia verweist auf eines der intelligenten Materialien, die Silhouette zur Trademark gemacht hat und welches ganz wesentlich für das „berührende“ Trageerlebnis sorgt: SPX+. Was macht diesen Werkstoff so außergewöhnlich, Rupert Spindelbalker?
Auf der Suche nach einem geeigneten Werkstoff, fiel die Wahl schon vor 30 Jahren auf spezielle Polyamid-Typen, hochkomplexe Thermoplaste, die wir gemeinsam mit Lieferanten zum bisher innovativsten Brillen-Kunststoff SPX+ weiterentwickelt haben. Kaum ein anderes Material verfügt über ein derart hohes Potenzial an Möglichkeiten und herausragenden Eigenschaften in puncto Funktion, formaler und farblicher Gestaltung und Tragekomfort. Heute steht SPX+ bei Silhouette als Synonym für eine große Zahl hochtechnischer Polyamide – abgestimmt auf die unterschiedlichsten Ansprüche und Anforderungen der Brille.
Und wo an der Brille setzt Silhouette die unterschiedlichen Polymer-Kompositionen ein?
Wir analysieren jeden Millimeter Brille und erkennen somit die unterschiedlichen Materialanforderungen, die wir mit den bis zu acht Polymer-Komponenten in Spritzgusstechnik genau erfüllen: Leichtigkeit, Haptik, Detailgenauigkeit, Elastizität und Festigkeit – an jeder Stelle zählt etwas anderes. In Summe ermöglicht SPX+ jene hohe Funktionalität, die hinter der minimalistischen Brille verborgen ist. Formal puristisch, schlank, fließend und dynamisch, ohne scharfe Kanten und mit softer Haptik. Und wenn wir jetzt den Bügel der SPX Signia betrachten, dann „erkennen“ wir die Verwendung von drei verschiedenen SPX+ Komponenten: Auf die Basis aus speziellem SPX+ wird ein zweites, weicheres Polymer aufgespritzt und über das Bügelende wird zum Schluss eine metallisierte Kappe gesteckt, ebenfalls aus SPX+. Und für die transparenten Nasenpads verwenden wir ein weiteres, absolut hautverträgliches und nicht vergilbendes Polymer… Am Beginn unserer Forschungen stand die Brille als ein homogenes Stück Polyamid. Heute realisieren wir absolut formvollendete Brillen – wie die SPX Signia – aus einem hochfunktionalen Polymer-Mix.
Wer entscheidet, welche Polymer-Komposition an welcher Stelle der Brille eingesetzt wird und welche Versuche gehen dieser Entscheidung voraus?
Darüber entscheiden die Techniker. Auf der Basis einer Vielzahl von Versuchen und immer ergebnisorientiert. Das heißt: Ausgangs- und Endpunkt unserer Überlegungen sind immer das jeweilige Brillenmodell und das, was es seinen zukünftigen Trägern und Trägerinnen bieten muss – an Leichtigkeit, Funktionalität, Tragekomfort. In seiner Gesamtheit und bis ins kleinste Detail. Dies gilt natürlich für den Einsatz jedes unserer Hightech-Materialien. Für eine SPX+-Brille ebenso wie für eine Brille aus Hightech-Titan…
Wann und warum werden neue Polymer-Kompositionen entwickelt?
Wenn ich mit den vorhandenen Werkstoffen, also Polymer-Kompositionen oder auch Metalllegierungen (Hightech-Titan), etwas nicht mehr umsetzen kann, was ich zum Beispiel in der Gestaltung der Brille erzielen will.
Und von wem kommt der Anstoß dazu?
Der kommt sowohl von unserer Seite, den Technikern, der Forschung und Materialentwicklung, als auch aus der Designabteilung. Roland Keplinger: Wenn es von unserer Seite wieder einmal heißt: „dünner, dünner und noch nochmals dünner“ oder wir versuchen, die Schraube am bereits Wenigen noch um das berühmte Quäntchen mehr anzuziehen, und das bestehende Material das nicht mehr leisten kann, dann brauchen wir etwas Neues. Rupert Spindelbalker: Man kommt natürlich mit seinen Anforderungen und Wünschen auch an die Grenzen eines Materials. Dann gilt es, Neues zu finden, das den gewünschten Anforderungen optimal entspricht.
SPX+ ist leichter als Acetat – um wie viel und worin bestehen weitere signifikante Unterschiede, Rupert Spindelbalker?
Das spezifische Gewicht von SPX+ beträgt 1,0 g/m3, das von Acetat 1,4 g/m3. SPX+ ist doppelt so stark wie Acetat, doppelt so elastisch und perfekt formstabil. Es enthält im Vergleich zu Acetat auch keine Weichmacher, die sich mit der Zeit verflüchtigen, wodurch das Material im Lauf der Zeit spröder und damit brüchiger wird. Vom Standpunkt des Technikers aus liegen die Hauptvorteile von SPX+ in seiner weitaus höheren Festigkeit und der ebensolchen Elastizität.
Und was schätzt der Designer Roland Keplinger an SPX+?
Mir sind keine Grenzen gesetzt – ich gestalte die Formen und in diese wird das Material gegossen. Grenzenlose Möglichkeiten bietet SPX+ nicht nur hinsichtlich seiner Formbarkeit, sondern auch in Bezug auf die Farbgestaltung. Es ist ein transparentes Material, das eine vorher noch nie dagewesene Farbbrillanz ermöglicht. Rupert Spindelbalker: Das farblose SPX-Granulat wird mit feinpigmentierten Farbpulvern – in Einheiten von Tausendstelgramm – eingefärbt. Das dabei mögliche Spektrum ist mit nichts zu vergleichen. Zusätzlich kann es bedruckt oder auch mit einer dünnen Metallschicht überzogen werden.
Eine renommierte europäische Designhochschule hat sich auf das Gestalten von Luxusprodukten spezialisiert. Worin besteht für Sie als Designer der Luxus einer Brille von Silhouette?
Ich bin davon überzeugt, dass es viele Menschen gibt, die in der Reduktion auf das Wesentliche – exquisite Materialien, hohe technische Standards in der Verarbeitung, absolute Präzision der Vielzahl manueller Arbeitsschritte und vieles andere mehr – den Luxus einer Silhouette sehen und erkennen. Das heißt, und hier befinden wir uns in bester Gesellschaft mit der Automobilindustrie, Luxus dokumentiert sich nicht plakativ und protzig über behübschte Oberflächen. Die wirkliche Qualität einer Brille von Silhouette zeigt sich in jedem noch so kleinen Detail. Für diese Werthaltung stehen wir und diese Art von Understatement schätzen wir – genauso wie unsere Kunden…
Weitere Infos erhalten Sie bei
SILHOUETTE International Schmied AG,
4021 Linz, Ellbognerstraße 24
Tel: 0732/3848 444
Web: www.silhouette.com
Facebook: www.facebook.com/silhouette
eMail: f.wurm@silhouette.com



