Bilosa Symposium 2017 am Berg Isel

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Bilosa Symposium 2017

Unter nahezu sommerlichen Bedingungen fand am Freitag 20. Oktober und Samstag 21. Oktober das dritte Bilosa Symposium in der beeindruckenden Kulisse am Berg Isel statt. Die Fortbildungsveranstaltung war spürbar mit Herz organisiert und bot neben Vorträgen zur Myopiekontrolle, Informationen zu durch Bestandteile von Kontaktlinsenpflegemittel ausgelösten Komplikationen, Perspektiven zu optoelektronischer Rehabilitation und einen Ausblick auf mögliche Risken und Chancen am Weg zum Erfolg eines traditionellen Augenoptikerbetriebes.

Unter dem Motto „Springen Sie mit uns zum Erfolg“ und aus der einzigartigen Perspektive im Turm der Berg Isel Sprungschanze begrüßte Andrea Paulweber die Teilnehmer/innen am Bilosa Symposium 2017. 

Andrea Paulweber

Professionell moderiert wurde die Veranstaltung durch Michael Wittmann, der vor einigen Monaten zum BILOSA Team wechselte.  

Michael Wittmann

Die Veranstaltung bot fünf Vorträge mit abwechslungsreichen Inhalten und wurden mit einem ausklingenden Abendessen und fachlichem Austausch im Berg Isel Turmrestaurant komplettiert.

Entwicklungen in der Ortho-K Anpassung

Ron Beerten referierte über Myopieforschung und zu Erkenntnissen bei Nutzung von Orthokeratologie-Kontaktlinsen zur Erreichung des vorgegebenen Ziels einer Verringerung der Myopieprogression. „Der Kampf gegen die Myopie bringt auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen. So steigt mit zunehmender Kurzsichtigkeit das Risiko an einem Glaukom, einer Katarakt, einer Netzhautablösungen oder myopen Makulopathien zu erkranken“, so Beerten. Diese Erkenntnis motiviert Kontaktlinsenanpasser Ihr Wissen zur Myopiekontrolle einzusetzen. Beerten berichtete von Erfahrungen, die eine Anpassung von Ortho-K Kontaktlinsen nur bei Fehlsichtigkeiten unter minus 6,00 Dioptrien, oder präzisiert bis maximal zu einer axialen Länge des Bulbus von 26 Millimetern nahelegen. Im Weiteren seines Vortrages verringerte er diese Empfehlung auf einen empfohlenen Wert von bis maximal -4,00 Dioptrien, da bei einer Anpassung im Fall höheren Myopien das Risiko von zentralen, cornealen Stippen steigen ließe.

Ron Beerten

Die wesentlichste Zielgruppe einer Myopiekontrolle mit Hilfe von Orthokeratologie-Techniken sind Kinder ab dem siebten Lebensjahr. Beerten berichtete, dass es hinsichtlich der Anpassung bei Kindern immer noch falsche Vorurteile betreffend der Verträglichkeit von Kontaktlinsen gäbe. Dies steht jedoch im Widerspruch zu aktuellen Erkenntnissen. In mehreren Studien (LORIC, CRAYON, CLIP) konnte schlüssig nachgewiesen werden, dass eine Anpassung von Kontaktlinsen bei Kindern zu keinen signifikanten Nachteilen gegenüber einer Nutzung durch Erwachsenen führt.

Eine neue, im September 2017 publizierte Studie von Michaud & Simard zur Myopiekontrolle beschäftigte sich mit unterschiedlichen Versorgungsmöglichkeiten bei einer fortschreitenden Myopie. Es zeigte sich, dass die Erfolgsquote bei weichen Multifokalkontaktlinsen 40%, bei Ortho-K Kontaktlinsen 45% und bei 0,01% Atropin 50% beträgt.

Bekämpfung der Myopieprogression bei Kindern

Marino Formenti berichtete über die Ursachen der weltweit zunehmenden Myopie. Die nähere Betrachtung der Auslöser verdient wohl Aufmerksamkeit in der Optometrie, da die Inzidenz von kausal ausgelösten Augenpathologien, wie zum Beispiel bei einer Myopie über -9,00 Dioptrien, bereits auf über 52% ansteigt.

Marino Formenti

Neben genetischen Komponenten stellen Umweltfaktoren, Naharbeit und Lebensstil bekannte Auslöser dar. Auch die Beleuchtungssituationen im Indoorbereich führte Formenti als Triggerfaktor an. Er berichtete über Studien, die eine zu geringe Expositur von violetten Lichtanteilen im Zusammenhang mit einer Steigerung der Myopie anführen würden. „Dies steht im Widerspruch zu Blaulichtschutz bei jungen Myopen“, so Formenti.

Kinder halten ihr Lesegut naturgemäß deutlich näher als Erwachsene. Der Referent sensibilisierte das Auditorium optometrische Tests – wie zum Beispiel die Vergenzen – bei Kindern in einer verkürzten Entfernung von 20-25cm durchzuführen. In diesem Zusammenhang berichtete er, dass Esophorien, Unterakkommodation (accommodative near lag) und eine reduzierte Akkommodationsadaptierung (accommodative facility) bei Kindern deutlich häufiger als bei Erwachsenen auftritt.

Spannend ist, dass in machen Populationen Myopien auffallend geringer als in der westlichen oder asiatischen Welt auftreten. So beträgt die Myopierate in Malaysia nur 2% obwohl auch dort die Kinder im Durchschnitt acht Stunden in der Schule verbringen. Eine Hypothese für diese geringe Myopieinzidenz basiert auf die differente Ernährungssituation in Malaysia im Vergleich zur anderen Teilen der Welt.

„Dies untermauert auch die Situation bei den Eskimos“, so Formenti. So weist die Population der Inuits seit ihrer Annäherung an den westlichen Lebensstil eine Zunahme der Myopie auf. „Waren früher nur 1% der Inuits myop, so ist die Rate auf mittlerweile 50% Myopie gemessen an der Population gestiegen“.

Formenti betonte in diesem Zusammenhang, dass die Abgabe einer vollkorrigierenden Brillenkorrektur keineswegs ausreichend zur Bekämpfung einer Myopieprogression wäre. Outdoorzeiten, Körperhaltung, Sensibilisierung in der Ernährung, spezielle optische Korrekturen – wie peripher defokussierte Techniken, Ortho-K Kontaktlinsen und die Nutzung von Atropin – stellen geeignete Maßnahmen zur Myopiekontrolle dar.

Im Weiteren berichtete der Vortragende über die nachteilige Verwendung von Tageskontaktlinsen bei kindlichen Myopen. So weisen die meisten am Markt befindlichen Einstärken-Tageskontaktlinsen – basierend auf eine Messung vom Brian Holden Institut – zum Rand hin eine Zunahme der negativen Dioptrienstärke auf. Dies stehe jedoch im Widerspruch zur Forderung einer defokussierten Wirkung zum Rand hin als geeignete Maßnahme einer Myopiekontrolle.

Bei myopen Kindern sollte demnach eine Verwendung von Tageskontaktlinsen überdacht werden und spezielle Kontaktlinsen mit einer peripheren Defokussierung zur Anwendung kommen. So konnten in einem Versuch mit Mehrstärkenkontaktlinsen – bei Anordnung Ferne zentral und Nähe peripher – die Myopieprogression gegenüber eine Kontrollgruppe um beachtliche 30% reduziert werden. Kontaktlinsen mit +3,00 Dioptrien Addition zeigten laut Formenti dabei die geeignetste Wirkung.

Zudem referierte Formenti zu den aktuellen Entwicklungen in der Anpassung von Orthokeratologie Kontaktlinsen bei Kindern und den aktuellen Ansätzen um die Wirkung der Myopiekontrolle weiter zu verbessern. Er berichtete, dass Orthokeratologie ursprünglich nur zur temporären Emmetropisierung über den Tag designt wurden. Bei Kindern stehe jedoch eine Kontrolle der Myopieproression im Vordergrund. Die optische Wirkungszone der Kontaktlinsen wird deshalb aktuell auf 2-3mm verkleinert, um an dessen Stelle ausreichend Platz für die defokussierende, periphere Wirkung vor der kindlichen Pupille zu gewährleisten.

Eine weitere Entwicklung stellt die Soft Orthokeratologie dar, bei der die formstabilen Kontaktlinsen statt beim Schlaf über den Tag getragen werden. Im Bereich der Atropin basierenden Myopiekontrolle sind je nach Intensität der Zusammensetzung – 0,01% bis 1% – Nebenwirkungen noch genauer zu beobachten.

Die richtige Pflege trägt zum langfristigen, komplikationsfreien Kontaktlinsentragen bei

Andrea Müller-Treiber betonte in Ihren Vortrag unter anderem, dass Konservierungsstoffe wie Polyhexanid und Polyquad, Tenside, Puffer und EDTA Nebenwirkungen haben können, die zu einem Drop-Out führen.

Andrea Müller-Treiber

Aktuell sind am Markt in weichen Kombilösungen nahezu nur die beiden Konservierungsstoffe Polyhexanid und/oder Polyquad enthalten. Dies allerdings unter unterschiedlichen Bezeichnungen. Die Kenntnisse über diese Alias-Bezeichnungen sind laut der Referentin wichtig, da bei einer Unverträglichkeit eines Konservierungsstoffes und Komplikationen sinnvollerweise auf ein Mittel mit dem anderen Konservierungsstoff zurückgegriffen werden sollte. So können unerklärlich rote, trockene Augen, Infiltrate und Stippenbildungen auch einen deutlichen Hinweis auf eine Konservierungsstoff-Unverträglichkeit geben.

Neue Pflegemittelgenerationen mit ähnlichen Namen wie ihre Vorgänger, beinhalten zwar oft den gleichen Konservierungsstoff wie zuvor, jedoch in einer deutlich höheren Konzentration. Dies ist dem „No Rinse – No Rub“ Wunsch der Kontaktlinsenträger geschuldet. Allerdings wirken sich höhere Konzentrationen von Konservierungsstoffen unter Umständen auch in stärkeren Unverträglichkeiten aus.

Auch die verwendeten, benetzenden Substanzen haben sich im Laufe der Zeit verändert. So tragen Carboxymethylcellulose und Hyaluronsäure positiv zur Reduktion der Stippenbildung bei. Im Gegenzug verdunstet eine solche Lösung in Kombination mit Polyhexanid deutlich schneller und beeinflusst dadurch die desinfizierende Wirkung negativ.

Oberflächenaktive Substanzen und Puffersysteme beeinflussen ebenfalls die Desinfektionswirkung und die Interaktion mit den unterschiedlichen Kontaktlinsenmaterialien. Müller-Treiber berichtete dazu ausführlich und im Detail.

Des Weiteren ist die Adsorption von Konservierungsstoffen in den Kontaktlinsenmaterialien zu beachten. So wird zum Beispiel Polyhexanid vor allem in Kontaktlinsen aus ionischen, negativ geladenen Materialien und bei Silikonhydrogelmaterialien an- und eingelagert.

Organische Verschmutzungen können bei Kombilösungen mit bis zu 50% Reduktion in der Desinfektionsleistung zu Problemen führen. Eine Manipulation der Kontaktlinsen ohne manuelle Reinigung und dem Abspülen der Kontaktlinsen führe laut Studien zu einer dramatischen Verschlechterung in der Keimreduktion auf Kontaktlinsen. Mit Reiben und Spülen werden sicher 99% aller Keime entfernt.

Wasserstoffperoxid weist eine bessere Wirksamkeit in der Desinfektion bei organischen Verschmutzungen und auch gegen Biofilme auf. In Summe weist Wasserstoffperoxid wohl viele Vorteile in der Desinfektion auf. Allerdings kann es zu einer Steigerung von mechanischen Komplikationen am Auge kommen. Gegen Ende ihres Vortrages empfahl Müller-Treiber dem Auditorium sich bei der Einschulung ihrer Kunden ausreichend Zeit zu lassen, um eine korrekte Desinfektion der Kontaktlinsen zu gewährleisten.

Fit in die Zukunft – wie geht das (noch) in der Augenoptik?

Die Österreicher geben etwa 3,8% ihres jährlichen Einkommens für Gesundheit aus. Johann Pürmayr berichtete dem Auditorium, dass Herr und Frau Österreicher für Brillen jährlich durchschnittlich gerade einmal 69 Euro pro Person ausgegeben. Im Vergleich dazu – für Toilettenpapier wenden die Österreicher pro Person und Jahr 20 Euro auf. Die Zahl der österreichischen Augenoptikbetriebe bleibt seit Jahren mit 830 Outlets traditioneller Betriebe und 320 Verkaufsstellen von Optikketten nahezu gleich. In den Betrieben arbeiten insgesamt etwa 5.000 Augenoptiker. Um die 52% der österreichischen Bevölkerung trägt permanent oder temporär eine Brille.

Johann Pürmayr

Während bei den Brillengläsern der Industrie recht gute Marktzahlen vorliegen, sind die Zahlen bei Brillenfassungen aufgrund der vielen Hersteller nur sehr schwer in ausreichender Schärfe zu erhalten. Umfragen bei Konsumenten haben ergeben, dass der Marktanteil der traditionellen Betriebe am Gesamtmarkt von 47% im Jahr 2001 auf nur mehr 32% im Jahr 2016 gesunken ist. Etwa 26% der österreichischen Brillenträger nutzt eine Gleitsichtbrille.

Jedoch gibt es auch positive Impulse, die das Auditorium kurz aufatmen ließ. Vorteilhaft wirke sich die gesteigerte Lebenserwartung und die geänderten, deutlich herausfordernden Sehanforderungen aus.

Die Konzentration im Handel und auf der Herstellerebene stellen hingegen neue Herausforderungen für die Augenoptiker dar. Auch die geringe Arbeitslosigkeit in der Augenoptik wirkt sich skurrilerweise negativ bei der Suche von Fachkräften aus. In diesem Zusammenhang sah Pürmayr die Ausbildung im zweiten Bildungsweg äußerst positiv. Maßnahmen zur Personalbindung wie Arbeitszeitenmodelle, Beteiligungsmodelle und eine gut geführte Teambildung werden einen höheren Stellenwert erlangen.

Neue Monobrand-Stores werden laut Einschätzung des Referenten zunehmen und bilden vor allem im urbanen Bereich eine neue Konkurrenz für traditionelle Augenoptikbetriebe. „Diskont können andere besser – trotzdem dürfen die Margen nicht strapaziert werden“, warnte Pürmayr in diesem Zusammenhang.

Positive Konjunkturaussichten, ein steigendes Marktvolumen, die gegenseitige Kannibalisierung der Kettenbetriebe, der im Vergleich international noch geringe Gleitsichtbrillenanteil von 26% in Österreich und die Thematisierung des Vorsorgeaspekts stellen neue Chancen für die Zukunft der Branche dar, war sich Pürmayr sicher. Zudem ist der Konsument beim Brillenkauf ohne entsprechender Beratung noch immer überfordert. Na dann, packen wir es an!

Die Kompetenz des Augenoptikers liegt im Refraktionsraum, so Pürmayr. Hohe Eigenrefraktionen und die Darstellung der Kompetenz mit hochmodernen Messtools, welche unterschiedliche Sehsituationen erklären, stellen große Chancen für Umsatzsteigerungen dar. Auch betonte der Referent die Notwendigkeit in einen zeitgemäßen Ladenbau zu investieren. Auch im Bereich der Sportoptik wären noch deutliche Zusatzumsätze möglich, war sich Pürmayr sicher. „Über eine Million österreichischer Brillenträger betreiben Sport. Dieses Potential ist riesig und wird derzeit noch nicht annähernd genutzt“, betonte der Referent.

„Onlineanteil der Einkäufe und eine Digitalisierung der Branche stellen weitere Herausforderungen für die Augenoptiker dar und können aber bei entsprechenden Maßnahmen auch als Chance gesehen werden“, schloss Pürmayr seinen Vortrag.

Quo vadis Low Vision?

Mit der provokativen Frage ob Low Vision im Zeichen von Smartphone und Co in der Zukunft überhaupt noch ein Thema sei, eröffnete Robert Fetzer den letzten Vortrag am Bilosa Symposium in den luftigen Höhen des Berg Isel. „Die Displays würden doch ohnehin immer größer werden“, so zynisch der Referent.

Robert Fetzer

Fetzer berichtete unter anderem über die rasanten Entwicklungen im optoelektronischen Rehabilitationsbereich. Er demonstrierte im Rahmen seines Vortrages anschaulich neue „Brilleninstrumente“ mit Videofunktion, welche auditiv den Alltag von Sehbehinderten unterstützen. Die Brillen mit optoelektronischen Aufsatz können mittels Gesten das vorlesen wohin man mit dem Finger zeigt und Personen die einem gegenüber stehen automatisch erkennen und benennen.

Im Weiteren gab Fetzer einen Überblick über die Refraktion in verkürzten Messabstand, Kantenfiltergläser und interessante Beleuchtungstechnologien für Personen mit Sehbeeinträchtigungen. Fetzer komplettierte seinen Vortrag mit einer Übersicht über das Umsatzpotential mit Low Vision Instrumenten und der Gerätschaft zur optischen Rehabilitation.

Dank für die Organisation

Jeder der Fortbildungsveranstaltungen organisiert weiß um die Mühen, welche im Zuge der Planung und Umsetzung entstehen Bescheid. Umso mehr ist die Organisation des gelungenen Symposiums durch Katharina Paulweber und ihr Team zu würdigen. Dafür gab es verdient Blumen.

Katharina Paulweber 

Wissen und Motivation – eine unschlagbare Kombination

Dem Fortbildungsfreitag folgte ein Motivationssamstag – mit Outdoor Führungskräftetraining. In kleinen Gruppen wurden unterschiedliche Aufgaben zu erfüllt. Nach dem Meistern der Übungen wurde gemeinsam über das Erlebte und Gefühlte reflektiert. Das Lösen der Aufgaben war nicht nur eine herausfordernde, sondern auch eine durchwegs unterhaltsame Erfahrung. So konnten auf einer neuen Ebene Kontakte zu Kollegen geknüpft werden, welche ganz sicher Vorteile und eine Basis für einen zukünftigen beruflichen Austausch bringen werden.

Impressionen zum Bilosa Symposion 2017


Fotos: Bernhard Steiner / Harald Belyus / optikum