III. Internationaler Kongress über Kontaktlinsen in der Slowakei

Viel zugetraut hatte man dem kleinen Bruderstaat Tschechiens Anfang der 90er Jahre nicht. Zu abhängig schien die Slowakei von dem wirtschaftlich besser entwickelten Tschechien, denn das Geld für die Entwicklung moderner Strukturen, Technologien und anderer Entwicklung war stets in die tschechische Teilrepublik geflossen. Zuletzt war gerade das der Grund für die Trennung gewesen. Selbstständig wollte man in eine bessere, unabhängige Zukunft steuern. Was sowohl inländische als auch ausländische Experten als unrealistisch einstuften, wird nun Schritt für Schritt Realität.

Oftmals sieht man die Slowakei am Rande des Niveaus eines Entwicklungslandes. Man verwechselt die Slowakei mit Slowenien oder geht davon aus, dass die Tschechoslowakei noch existiert. Die Fakten sehen ganz anders aus. Dieses Klischee dürfte durch den EU-Beitritt der Slowakei im Mai 2004 eigentlich ohnehin vom Tisch sein. Die Slowakei ist alles andere als ein Entwicklungsland. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf lag im Jahr 2001 bei 3.760 US-Dollar und ist seitdem stetig gestiegen. Sicher herrschen in der Slowakei noch keine westlichen Verhältnisse, doch die Politik ist auf einem guten Weg, die Verhältnisse anzupassen.

Warum ist der slowakische Markt plötzlich so populär? Vor allem die folgenden Gründe geben Aufschluss über die Motivation der Investoren: Günstiges Verhältnis zwischen Preis und Qualität der Arbeitskraft gegenüber der Produktivität, günstige geografische Lage mit sehr gutem Zugang zu wichtigen Wachstumsmärkten und die günstige Steuerbelastung. Seit Einführung der so genannten „Flat Tax“ siedeln sich vermehrt große Unternehmen, vor allem Automobilkonzerne, in der Slowakei an. Dies ist auf eine großzügige Finanzförderung der slowakischen Regierung und die günstige Lohnstruktur der Slowakei zurück zu führen: Der slowakische Durchschnittslohn betrug 2004 ca. 400 Euro/Monat (2003: 350 Euro). In Bratislava und Umgebung liegt der Durchschnittslohn etwa rund ein Drittel höher, während er in der östlichen Region Prešov beispielsweise etwa ein Viertel niedriger liegt. Inzwischen befürchtet Österreich, dass sich zahlreiche Firmen mit ihrer Osteuropa-Zentrale aus Wien Richtung Bratislava verabschieden. Manche Firmen suchen sich von vorn herein den Standort Bratislava aus, um von hier aus kostengünstiger den österreichischen Markt bedienen zu können. Bratislava ist nach Prag die zweitreichste Wirtschaftsregion der neuen EU-Beitrittsländer. Kaufkraft und Produktivität liegen dort exakt im EU-Schnitt. Auch bewerten Experten das Risiko einer Kapitalanlage in der Slowakei inzwischen wesentlich niedriger als noch vor dem NATO-Beitritt. Auch der Kurs der Krone stieg gegenüber dem US-Dollar zuletzt deutlich und konnte sich auch gegenüber dem Euro behaupten.

Nicht nur die wirtschaftliche Situation entwickelt sich positiv in der Slowakei, auch das wissenschaftliche Kongressgeschehen verzeichnet in diesem neuen EU-Bundesstaat eine stetige Weiterentwicklung

Der Monat April ist für Bratislava von ganz besonderer historischer Bedeutung: am 4. April gedenkt man dem Jahrestag der Befreiung der slowakischen Hauptstadt Bratislava von der deutschen Okkupation 1945 durch die Sowjetarmee. Mit dem Zusammenbruch des sowjetisch beherrschten Ostblocks 45 Jahre später und der Loslösung von der Tschechoslowakei fand ein weiterer Schritt in die Selbständigkeit der Slowakei statt. In diesem historischen Sinne für Unabhängigkeitsstreben kann auch die Etablierung der Otto-Wichterle-Gesellschaft verstanden werden. Sie bemüht sich speziell um den Wissenstransfer in Bezug auf Kontaktlinsenanpassung und –versorgung in der Slowakei.

Am 21. April 2007 trafen sich zum dritten Mal zahlreiche renommierte internationale Referenten zum wissenschaftlichen Gedankenaustausch zum kontaktoptischen Themenkomplex „Kontaktlinsen für jedes Lebensalter: von Kinderoptometrie bis Presbyopie“ wieder in der slowakischen Hautstadt Bratislava. Vor nun schon gut drei Jahren wurde die Europäische Otto-Wichterle-Gesellschaft mit Sitz in Bratislava anlässlich des ersten Kongresses gegründet. Eines der Ziele der Gesellschaft ist eine adäquate Versorgung von Fehlsichtigen mit Kontaktlinsen besonders in der Slowakei zu fördern.

Üblicherweise fand bisher sowohl der Kongress als auch das abendliche Konzert zu Ehren der Kontaktlinse im historischen Spiegelsaal des Primatialpalastes statt. Aufgrund einer sehr kurzfristigen Änderung der Belegung des Spiegelsaales durch die slowakische Regierung musste die OWG sowohl mit dem Kongress als auch mit dem Konzert äußerst kurzfristig in den Hörsaal der Musikhochschule umziehen. Vorteilhaft für die Kongressbesucher war die Nähe zum Kongresshotel IBIS, da die Musikhochschule mit lediglich 2min Fußweg von hier zu erreichen ist. Wegen der unfreiwilligen Verschiebung des Kongresstermins musste an diesem Wochenende eine terminliche Überschneidung mit mehreren anderen ophthalmologischen und augenoptischen Veranstaltungen in Kauf genommen werden, so dass die Teilnehmerzahl weit hinter den Erwartungen zurückblieb.

Wie jedes Jahr eröffneten die Präsidentin der Gesellschaft, Angelika De Rossi Jelsova und der akkreditierte parlamentarische Berater für europäische Wirtschaftsfragen Prof. Dr. Dr. Torsten Bendrat auch den diesjährigen Kongress. Die wissenschaftlichen Vorträge des Vormittags beschäftigten sich mit dem Thema „Kinderoptometrie“. Wegen dringender Klinikverpflichtungen konnte Prof. Dr. Anton Gerinec statt seiner Eingangsvorlesung erst am Abend aus der Arbeit der Kinder-Universitäts-Augenklinik berichten.

Vorträge am Kongress der Europäischen Otto-Wichterle-Gesellschaft Bratislava

Alex Mütz, Augenoptiker vom JenVis Research Institut (Jena, Deutschland) stellte eine Auswertung von 2000 Kinder-Kontaktlinsenanpassungen und einen Ausblick auf die Versorgung mit neuen Silikohydrogel-Kontaktlinsen vor. Über die Besonderheiten der „Topographie zur Anpassung von Kontaktlinsen bei Kindern“ berichtete ein weiterer Referent, der die Otto-Wichterle-Gesellschaft von Anbeginn wissenschaftlich und strukturell unterstützt, Rainer Schnittcher, MPG&E (Bordesholm, Deutschland). Aus Ungarn reiste Istvan Mate, Argus Optik, Budapest, für seine “Präsentation von Geräten zur Kinderoptometrie und Anpassung von Kontaktlinsen“ an. Herr Mate stand in den Pausen auch für praktische Demonstrationen und weitere Fragen zum Vortragsthema zur Verfügung. Weitere „Hilfsmittel für die Kinderoptometrie“ wurden den Teilnehmern von Peter Fanti , Visus GmbH (Stuttgart, Deutschland) anschaulich in Theorie und Praxis präsentiert. Jürgen Haußer, Kontaktlinsenspezialist (Düsseldorf, Deutschland) hätte mit seinem äußerst interessanten Vortrag zum Thema „Kontaktlinsenapassung bei Kleinkindern und Kindern: Materialien, Geometrien, praktische Anpassfälle“ problemlos einen ganzen Vormittag füllen können – ohne Langeweile bei den Teilnehmern aufkommen zu lassen. Im Sinne des Gesellschaftsziels „Verbesserung der Aus- und Weiterbildung der slowakischen Kontaktlinsenoptiker“ stellte Dipl.-Ing. AO Günther Neukirchen, Leiter der ZVA-Akademie (Knechtsteden, Deutschland) stellte seine Ideen zu Kinderoptometrie vor und deutete Studienmöglichkeiten in Deutschland für ausländische Gäste an. „Binokularsehen und Legasthenie bei Schulanfängern“ war das Vortragsthema von Ulrich Maxam, Dipl.-Ing.(FH), Staatl. gepr. Augenoptiker/-meister (Rostock, Deutschland).

Die folgenden drei Vorträge stellten die Überleitung von der „Kinderoptometrie“ zur „Presbyopie“ dar: Über die chirurgischen Optionen bei „Was ist zu tun bei KL-Unverträglichkeit? Andere Behandlung des Verlustes der Akommodation“ berichtete die gebürtige Tschechin Dr. Magda Rau, Ophthalmochirurgin (Augentagesklinik Cham, Deutschland). Ebenfalls alle Lebensalter betreffend war der Vortrag von Dr. Sibylle Scholtz, Vizepräsidentin der Otto-Wichterle-Gesellschaft (Ettlingen, Deutschland) über „Kontaktlinsen als Medikamententräger". „Biokompatible Austausch-Kontaktlinsen für jedes Lebensalter“ wurden von Rüdiger Ebert, Sauflon (Heek, Deutschland) vorgestellt.

Der Themenbereich „Presbyopie“ wurde mit dem Vortrag „Neue Menicon Presbyopie-Kontaktlinsen – Funktion und Anpasshinweise“ mit Michael Grasmück, Menicon (Offenbach, Deutschland) als Referenten eingeläutet. Über „Spezielle Aspekte der Kontaktlinsen-Anpassung bei Presbyopen“ berichtete Markus Lüchinger, Falco Linsen (Tägervillen, Schweiz). In Vertretung von Frau Alexandra Spiegler, AMO (Ettlingen, Deutschland) berichtete Dr. Sibylle Scholtz über „Neue Aspekte zum Trockenen Auge und Konsequenzen für die KL-Hygiene“.

Die anschließende konstruktive Diskussion der Vortragsthemen und der Kongress-Konzeption rundeten den wissenschaftlichen Teil des Programms ab und lassen Ausblicke auf den kommenden Kongress zu, der am 05. April 2008 wieder in den Räumlichkeiten der Musikhochschule Bratislava stattfinden wird. Das Präsidium der Gesellschaft bedankte sich bei den Anwesenden und der Industrie für ihre Teilnahme und die stete Unterstützung in den vergangenen drei Jahren und sieht einer effektiven Zusammenarbeit entgegen.

Als besonderes kulturelles Highlight konnte wohl das 10-jährige Jubiläum des Festkonzertes zur Ehre der Kontaktlinse gesehen werden, das dieses Jahr ebenfalls erstmalig in den Räumen der Musikhochschule Bratislavas stattfand. Die als öffentliches Benefiz-Konzert konzipierte Veranstaltung überraschte durch seine musikalische Perfektion und emotionale Tiefe. Der Ertrag des Konzertes kam der Blinden- und Sehbehindertenschule vor Ort zu Gute. Das Otto-Wichterle-Kontaktlinsenkonzert wurde von Marketingexperten als einzigartige Imagewerbung für Kontaktlinsen in der Öffentlichkeit angesehen.

Das gesellige Beisammensein der Teilnehmer und Referenten im Anschluss an das Konzert und dem Abendessen ging bis in die frühen Morgenstunden und bot einen äußerst konstruktiven Rahmen für Diskussionen um die zukünftigen Aktivitäten der Otto-Wichterle-Gesellschaft und den kommenden Kongress. Dazu gehört unter anderem, wie bei anderen großen Kongressen üblich, ein „Call for Papers“: Einem Aufruf an alle Interessierten ihre Kongressthemen an die Kongressorganisation zu melden. Nach Ablauf der Einreichfrist wir das Gesellschaftspräsidium attraktive Themen auswählen und das neue Kongressprogramm zusammenstellen. Die Kommunikation der Einzelheiten hierzu findet auch über die Homepage www.prof-otto-wichterle-gesellschaft.de statt. Darüber hinaus sind weitere Informationen zur Gesellschaft bei der Präsidentin Angelika de Rossi-Jelsova (Lens Optik, Poliklinika Karlova Ves, Liscie Udolie 57, SK – 84 102 Bratislava, Tel./Fax 0042 12 654 21 404) oder der Vizepräsidentin Dr. Sibylle Scholtz (sibylle.scholtz@gmx.de) zu erhalten.

Autor:
Dr. Sibylle Scholtz, sibylle.scholtz@gmx.de

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