Der Kontaktlinsenreport 2005

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Welche Entwicklungen wird die Kontaktlinsenoptik in den kommenden Jahren mit sich bringen? Welche Fortschritte könnte man heute wahrnehmen um morgen davon zu profitieren? Welche Chancen bieten sich engagierten Kontaktlinsenoptikern? Im Kontaktlinsenreport 2005 haben wir wieder ein wenig über den Tellerrand gesehen, andere Märkte studiert und vorsichtig eine mögliche Prognose für unsere Breiten entwickelt.

Anteil der Kontaktlinsenträger an den Fehlsichtigen

Seit Jahren sind knapp fünf Prozent der österreichischen Fehlsichtigen auch Kontaktlinsenträger. Dieser Prozentanteil hält sich konstant und hartnäckig seit vielen Jahren. Dieser Umstand wirft die Frage auf, warum sich dieser Prozentanteil nicht ändert. Blickt man nach Amerika oder in die skandinavischen Länder Europas, so ist dieser Anteil in manchen Altersgruppen sogar bis zu acht mal höher.

Verfügen andere Märkte bessere Technologien?

Zugegebenermaßen werden viele Kontaktlinsenmaterialien zuerst einmal am US Markt eingeführt, nachdem sie ein aufwendiges Prüfverfahren durch die dort ansässige food and drud administration (FDA) duchgemacht haben. Der Technologievorsprung hält sich allerdings vielleicht ein halbes Jahr, bis die Produkte von den internationalen Konzernen auch am deutschsprachigen, europäischen Markt angeboten werden. Andererseits entstehen laufend neue, innovative Linsengeometrien direkt in Europa und kommen zuerst auf den hiesigen Märkte, wie es z.B. der holländische Hersteller Procornea immer wieder beweist. Ein Technologiedefizit im Material oder Design der Kontaktlinsen kann also für die unterschiedlichen Prozentraten nicht verantwortlich sein.

Wer informiert Fehlsichtige eigentlich über Vorteile von Kontaktlinsen?

Innerhalb der 5-Prozent-Gruppe der Kontaktlinsenträger wurden laut einer 2004 durchgeführten Befragung gerade einmal 28 Prozent von einem Kontaktlinsenoptiker bzw. anpassenden Augenarzt angesprochen. Der Löwenanteil – knapp 70 Prozent der österreichischen Kontaktlinsenträger – kommen zur Anpassung aus eigener Motivation oder weil sie von Bekannten informiert wurden. Dies beweist, dass in unseren Breiten von den Spezialisten nur ein geringer Teil der Brillenträger auf die Möglichkeit einer Kontaktlinsenkorrektur hingewiesen wird.

Was wünschen sich Konsumenten von ihren Kontaktlinsen?

Ein nicht unwesentlicher Teil der Neo-Kontaktlinseninteressenten möchte eine möglichst unkomplizierte Lösung. Die Reinigung sollte wenig oder gar keinen Aufwand verursachen. Bei genauerem Hinterfragen stößt man häufig auf den Wunsch, dass die Kontaktlinsen während der gesamten Wachperiode gut funktionieren sollen. Primär sind Komplikationen wie rote Augen oder massives Fremdkörpergefühl gefürchtet und unerwünscht.

Welche Chancen bestehen für Kontaktlinsenoptiker im Jahr 2005?

Neben bewährten Konzepten sind vor allem folgende Technologie-Segmente derzeit eine genauere Betrachtung wert:

  • Weiche Kontaktlinsenmaterialien mit hohen Wasserbindungsvermögen
  • Silikonhydrogele mit Dk/t Werten weit über 100
  • Formstabile Materialien mit hohen Dk/t Werten
  • Orthokeratologie
  • Bifokale Kontaktlinsen unterschiedlicher Bauarten
  • Tageslinsen für die temporäre Verwendung

Weiche Kontaktlinsenmaterialien mit hohen Wasserbindungsvermögen

Der Wassergehalt einer weichen Kontaktlinse ist unter anderem ausschlaggebend für den Komfort und die Sauerstoffdurchlässigkeit. Ein hoher Wassergehalt steigert automatisch den Dk/t Wert. Leider sind die Dk/t Werte am Auge um bis zu 10 Prozent geringer als in vivo gemessen. Grund dafür ist die Verdunstung am Auge. Konventionelle Hydrogele verlieren damit an Wassergehalt während des Tragens. Kontaktlinsenmaterialien wie z.B. Benz verfügen über Wasser bindende Komponenten und halten so den Wassergehalt im Regelfall konstanter am Auge als herkömmliche Hydrogele. Dadurch steigt der Komfort und die gleichmäßige Versorgung der Cornea mit Sauerstoff. Die Möglichkeit einer individuellen Anfertigung ermöglicht eine exakte Anpassung durch den Spezialisten.

Silikonhydrogele mit Dk/t Werten weit über 100

Beim Tragen über Nacht wird vielfach ein Dk/t Wert von mindestens 125 gefordert. Dies kann mit neuen Materialien leicht erfüllt werden: Lotrafilicon A weist in vivo gar einen Dk/t Wert von 175 auf. Ab einem Dk/t Wert von größer 125 werden laut einer Studie Schwellungen der Cornea auf 3,2 Prozent reduziert [LaHood et al] und stromale Sauerstoffunterversorgungen verhindert [Harvitt and Bonnano]. Auch limbale Rötungen sind ab diesem Wert fast nicht mehr vorzufinden [Pappas]. Zudem tendieren Silikonhydrogele zu einer geringeren Anziehung von gramnegativen Bakterien.

Silikonhydrogele können beim Tagestragen viele Komplikationen verhindern, die bei konventionellen Hydrogelen in der Vergangenheit zu drop-outs geführt haben. In den skandinavischen Ländern und den USA werden Silikonhydrogele wesentlich häufiger auch zum Übernachttragen eingesetzt als im deutschsprachigen Raum. Hier könnte auf den Konsumentenwunsch des vereinfachten Tragens noch mehr als bisher eingegangen werden.

Ein verlängertes (extendend wear) oder dauerndes (continuous wear) Linsentragen kann aber auch andere oder verstärkte Komplikationen verursachen als sie von Hydrogelen bekannt sind. Eine leichtfertige Abgabe ist deshalb tunlichst zu vermeiden. Selbst erfahrene Kontaktlinsenoptiker müssen sich mit den speziellen Anforderungen und möglichen Komplikationen dieser Kontaktlinsenart vertraut machen. Auch ist eine hohe Kunden-Compliance Vorraussetzung um ein verlängertes Tragen überhaupt in Betracht ziehen zu können. Etwas schade ist, dass Silikonhydrogele nur in vorgefertigten Parametern und nicht individuell gefertigt erhältlich sind.

Formstabile Materialien mit hohen Dk/t Werten

Träger formstabiler Kontaktlinsen gehören langfristig häufig zu den zufriedensten Kunden. Wiewohl primär der Sitz der Kontaktlinsen für die Sauerstoffversorgung der Hornhaut verantwortlich ist, kann ein Umstieg auf ein Material mit höherem Dk/t Wert keineswegs schaden. Neben dem Dk/t Wert ist allerdings der Benetzung ein hoher Stellenwert zuzurechnen. Diese darf zugunsten des höheren Dk/t Wertes keinesfalls verschlechtert werden.

Orthokeratologie

Kurz gesagt: es funktioniert. Bei Kurzsichtigen bis –3,50 Dioptrien ist diese Möglichkeit der Korrektion eine wertvolle Alternative zur refraktiven Chirurgie. In den USA und in Skandinavien wird diese Alternative immer häufiger vom Fehlsichtigen angenommen. Wie beim "verlängerten Tragen" sind zu dieser Korrektionsmethode jedoch spezielle Kenntnisse erforderlich. Einen Überblick finden Sie in der Jännerausgabe 2004 vom optikum.

Bifokale Kontaktlinsen unterschiedlicher Bauarten

Gut sehen von Nah bis Fern und dies ohne Brille. Für die emmetropen Leser unter 40 eine Selbstverständlichkeit. Im Vergleich zum Markt vor 10 Jahren können wir heute aus einer Vielzahl aus bifokalen Kontaktlinsendesigns wählen. Egal ob simultan oder alternierend, rotationsempfindlich oder unempfindlich: wenn die Erwartungen gegenüber den Kunden nicht übertrieben wird, ist die erfolgreiche Anpasserfolgsquote relativ hoch. Mit bifokalen Kontaktlinsen können Kontaktlinsenoptiker "Jugend" anpassen. Eine Klassifizierung dieser Kontaktlinsenart finden Sie ebenfalls im optikum.

Tageslinsen für die temporäre Verwendung

Eigentlich könnte fast jeder Brillenträger für gewisse Anlässe über Kontaktlinsen verfügen. Nahezu jeder aktive, "sich jugendlich fühlende" Brillenträger hat dafür wahrscheinlich Bedarf. Man muss sich nur dafür Zeit nehmen um seinen Brillenkunden die Angst vor dem Ein- und Aussetzen zu nehmen und die Vorteile einer Kontaktlinsenkorrektur zu schildern. Nicht wenige "Urlaubsträger" mutieren nach dem Urlaub zu ständigen Kontaktlinsenträgern.

Warum tragen nur 5 Prozent Kontaktlinsen – seit vielen Jahren unverändert?

Man darf unterstellen, dass nicht jeder Brillenkäufer über Kontaktlinsen informiert wird. Außerdem entstehen wahrscheinlich drop-outs durch Komplikationen im selben Ausmaß wie Neukunden gewonnen werden. Diese drop-outs könnten durch neue Materialien und Technologien aber minimiert werden. Komplikationen (frühe oder durch Langzeitwirkung) können aber nur durch eine optimale Anpassung durch den spezialisierten Kontaktlinsenoptiker vermieden werden.

Eine sorgfältige Anpassung mit allen zur Verfügung stehenden technischen Einrichtungen und eine permanente Fortbildung sind die einzigen Garanten um künftige drop-outs zu reduzieren und langfristig zufriedene Kontaktlinsenträger zu garantieren. Das Herschenken einer "schnell durchgeführten, reduzierten Anpassung" ist im Wissen dieser Erkenntnis keineswegs sinnvoll sondern schadet nur dem Unternehmen und mit Sicherheit den betroffenen Kontaktlinsenträgern.